Wenn selbst Trinken plötzlich zu viel ist

 

17.06.2026 Bei uns hat die Sommergrippe Einzug gehalten. Angefangen hat es bei Muck mit totaler Erschöpfung und starken Kopfschmerzen. Dann kam das Frieren dazu – obwohl es draussen eigentlich heiss war – und schliesslich das Fieber.

Inzwischen geht es langsam wieder aufwärts. Das Fieber ist nur erhöhter Temperatur gewichen, aber der Hals ist noch trocken und schmerzt etwas. Auch der Mund fühlt sich unangenehm trocken an. Eigentlich hat Muck grossen Durst. Doch genau hier beginnt das Problem: Weil sich Mund und Hals so anders anfühlen als sonst, kann er nicht trinken. Ein echter Teufelskreis.

Heute Morgen hat er einen kleinen Schluck Wasser genommen und direkt danach einen Overload erlebt. Der Tag hatte noch gar nicht richtig begonnen und trotzdem war sein System bereits völlig überreizt.

Das ungewohnte Gefühl im Körper, die Erschöpfung der Krankheit, der Kopf, der noch nicht wieder so funktioniert wie sonst, die Müdigkeit trotz sehr viel Schlaf, kaum Hunger und gleichzeitig dieser riesige Durst: All das kommt zusammen. Und dann sitzt er vor seinem Glas, weiss, dass er trinken müsste und möchte es eigentlich auch – aber er kann nicht.

Gutes Zureden hilft in solchen Momenten nicht. «Du musst doch etwas trinken» oder «Nimm einfach einen kleinen Schluck» macht die Situation nicht leichter. Denn es geht nicht darum, dass Muck nicht will. Sein Körper und sein Nervensystem sagen gerade: Das kann ich nicht.

Also muss eine Lösung her. Und eine gute Lösung ist es nur dann, wenn sie auch für Muck Sinn ergibt.

Zeit, die Kreativität einzuschalten.

«Vielleicht hilft warmes Wasser?» - Nein.

«Soll ich dir einen Tee kochen?» - Nein.

Vielleicht eine saftige Frucht? Einfach einmal aufschneiden und vor ihn hinstellen? -

Nein.

Also denke ich laut darüber nach, ob ein Strohhalm helfen könnte. Damit kann man viel gezielter trinken. Es kommt nur so viel Flüssigkeit in den Mund, wie man gerade möchte, und man kann jederzeit sofort aufhören. Nicht jeder Teil dieser Erklärung war vollkommen logisch – aber ihr wisst schon: einfach ausprobieren.

Und tatsächlich: Mit dem Strohhalm trinkt Muck plötzlich ein ganzes Glas.

Was von aussen wie eine winzige Veränderung aussieht, kann für ein neurodivergentes Nervensystem einen riesigen Unterschied machen. Das Problem war nicht der Durst und auch nicht fehlende Einsicht. Das Problem war das ungewohnte Gefühl beim Trinken und die fehlende Kontrolle darüber.

Der Strohhalm hat die Krankheit nicht verschwinden lassen. Aber er hat das Trinken vorhersehbarer, kontrollierbarer und damit möglich gemacht.

Manchmal braucht es keine grossen pädagogischen Strategien und auch keine langen Diskussionen. Manchmal braucht es einfach jemanden, der genau hinschaut, das «Nein» ernst nimmt und weiter nach einer Lösung sucht, die für das Kind wirklich passt.

 

Und manchmal ist diese Lösung einfach ein Strohhalm.

Was bedeutet es, eine neurodivergente Familie zu sein?

 

07.06.2026 Was bedeutet es, eine neurodivergente Familie zu sein?

Es bedeutet, dass wir anders sind als andere. Nicht schlechter. Nicht besser. Anders.

Es bedeutet, dass wir andere Möglichkeiten haben. Andere Wege. Andere Grenzen. Andere Bedürfnisse. Andere Formen von Nähe, Ruhe, Lernen, Verstehen und Zusammenleben.

Es bedeutet, dass es bei uns oft mehr braucht. Mehr Vorbereitung. Mehr Geduld. Mehr Erklärungen. Mehr Pausen. Mehr Übersetzungsarbeit. Mehr Kraft. Mehr Mut. Mehr Verständnis. Und manchmal auch einfach mehr Zeit.

Es bedeutet viele Sorgen. Sorgen um Überforderung. Sorgen um Ausgrenzung. Sorgen um Schule, Alltag, Freundschaften, Zukunft. Sorgen darum, ob unser Kind gesehen wird. Wirklich gesehen. Nicht nur beurteilt, eingeordnet oder korrigiert.

Aber es bedeutet auch viele wunderschöne gemeinsame Momente. Momente, die vielleicht anders aussehen als bei anderen Familien, aber genau deshalb so kostbar sind. Es bedeutet, in Welten einzutauchen, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie einmal betreten würde. Welten voller Tiefe, Intensität, besonderer Interessen, feiner Wahrnehmung und eigener Logik.

Es bedeutet zu kämpfen. Für Verständnis. Für Unterstützung. Für passende Rahmenbedingungen. Für Würde. Für Teilhabe. Für unser Kind. Für uns als Familie.

Es bedeutet zu übersetzen. Zwischen unserem Kind und der Welt. Zwischen Bedürfnissen und Erwartungen. Zwischen Verhalten und Bedeutung. Zwischen dem, was andere sehen, und dem, was wirklich dahinterliegt.

Es bedeutet, Tröster zu sein. Rammbock. Diplomat. Schutzschild. Dolmetscher. Anker. Manchmal alles gleichzeitig.

Es bedeutet zu regulieren, wenn andere längst urteilen. Gelassen zu bleiben, wenn es innen brodelt. Anders zu handeln, als andere es erwarten. Nicht, weil uns Grenzen egal sind, sondern weil wir wissen, dass Entwicklung nicht durch Druck entsteht, sondern durch Sicherheit, Beziehung und Verstehen.

Es bedeutet, sich immer wieder weiterzuentwickeln. Gemeinsam hinzuschauen: Was braucht es jetzt? Was hilft heute? Was war gestern noch richtig und ist heute zu viel? Was entlastet? Was überfordert? Was gibt Kraft?

Es bedeutet, Entlastung zu schaffen, damit alle genug Kraft haben. Nicht nur das Kind. Auch die Geschwister. Auch die Eltern. Auch die Familie als Ganzes.

Es bedeutet Grenzen zu setzen. Und es bedeutet Grenzen zu akzeptieren.

Es bedeutet Trauer zuzulassen. Nicht, weil unser Kind neurodivergent ist. Sondern weil wir Vorstellungen loslassen müssen. Bilder davon, wie Familie, Alltag, Schule, Ferien, Freizeit oder Erziehung angeblich auszusehen haben. Es bedeutet, Abschied zu nehmen von Erwartungen, die nicht zu unserem Leben passen. Und dafür etwas Echtes entstehen zu lassen.

Es bedeutet zu verstehen, dass gängige Erziehung oft nicht funktioniert. Dass Regeln angepasst werden müssen. Dass Grenzen manchmal anders verlaufen. Dass Konsequenzen nicht dasselbe sind wie Unterstützung. Dass Verhalten Kommunikation ist. Dass ein Kind nicht „nicht will“, sondern manchmal einfach nicht kann.

Es bedeutet, ein Lernfeld zu schaffen, in dem sich alle in der Familie weiterentwickeln dürfen. Nicht perfekt. Nicht immer ruhig. Nicht ohne Konflikte. Aber ehrlich, suchend, wachsend.

Es bedeutet auch ganz konkrete Dinge.

Es bedeutet mehrere Runden bei den Schwimmkursen drehen.

Es bedeutet Gewichtstiere und Gewichtsdecken im Haus zu haben.
Es bedeutet Augenrollen, ungefragte Ratschläge und verletzende Kommentare.
Es bedeutet viel Planung…sehr viel Planung.
Es bedeutet Anspannung vor öffentlichen Situationen.
Es bedeutet viele Gespräche.
Es bedeutet, früher nach Hause zu gehen.
Es bedeutet, Dinge getrennt zu erleben, weil gemeinsam manchmal zu viel ist.
Es bedeutet, oft missverstanden zu werden.

Es bedeutet, einen Pool im Garten zu haben, weil Wasser reguliert.
Es bedeutet, eine Therapieschaukel im Schlafzimmer hängen zu haben.
Es bedeutet, eine Notfallbox in der Handtasche zu tragen.
Es bedeutet schlaflose Nächte.
Es bedeutet verschmähtes Essen, das extra gekocht wurde.
Es bedeutet Safe Food.
Es bedeutet Plan B, C und D… oder doch Z?! Und manchmal auch die Einsicht, dass heute gar kein Plan mehr funktioniert.

Es bedeutet, als Helikoptereltern bezeichnet zu werden, obwohl man in Wahrheit versucht, einen Absturz zu verhindern. Es bedeutet, nicht ernst genommen zu werden.
Es bedeutet, dass Not nicht erkannt wird, weil sie nicht immer so aussieht, wie andere sie erwarten.

Aber es bedeutet auch, dass wir lernen, uns Hilfe zu holen.
Dass wir darüber reden können.

Dass wir aufklären können.
Dass wir sichtbar werden dürfen.

Es bedeutet, dass wir wachsen. Nicht, weil alles leicht ist. Sondern weil wir immer wieder Wege suchen. Weil wir hinschauen. Weil wir lernen, unsere Familie nicht an fremden Massstäben zu messen.

Es bedeutet, dass wir akzeptiert werden wollen. Nicht bemitleidet. Nicht bewertet. Nicht ständig verbessert. Akzeptiert.

Es bedeutet, unbequeme Fragen stellen zu dürfen.
Warum muss es genau so sein? Wem hilft diese Regel? Was braucht dieses Kind wirklich? Was wäre möglich, wenn wir nicht vom Standard ausgehen würden?

Es bedeutet, da zu sein. Sichtbar zu werden. Für uns einzustehen.

Eine neurodivergente Familie zu sein bedeutet nicht nur Herausforderung. Es bedeutet auch Tiefe. Nähe. Kreativität. Ehrlichkeit. Wachstum. Es bedeutet, die Welt aus anderen Blickwinkeln zu sehen. Es bedeutet, Gewohntes zu hinterfragen und neue Wege zu finden.

Für uns  bedeutet es das. Und noch so vieles mehr.

 

Was bedeutet es für dich?

 

Die Herausforderung ist nicht das 1x1

 

03.06.2026 Heute hatte Muck eine Premiere. Seine erste Lernzielkontrolle, auf die er sich ganz bewusst vorbereiten musste.

Nicht irgendeine Lernzielkontrolle. Sondern das 1x1 und zwar mit Stoppuhr! 

Und plötzlich ging es nicht mehr um Mathematik. Denn das 1x1 kann er. Er hat geübt, verstanden und beherrscht die Aufgaben. Das Problem ist nicht das Rechnen. Das Problem ist der Zeitdruck.

Wie lange habe ich überhaupt? Reicht das? Was passiert, wenn ich nicht fertig werde? Was denken die anderen?

Und dann kommt sie. Diese Welle aus Unsicherheit, die wir nur zu gut kennen. Die Angst zu versagen.

Nicht weil er etwas nicht kann. Sondern weil er nicht einschätzen kann, was auf ihn zukommt. Je mehr Muck darüber nachdachte, desto grösser wurde die Angst. Und je grösser die Angst wurde, desto weniger Zugriff hatte er auf das, was er eigentlich längst kann. Also haben wir geübt und nicht nur das 1x1.

Wir haben erklärt, wie eine Lernzielkontrolle abläuft. Wir haben einen Testdurchlauf gemacht. Mit Bravour bestanden. Wir haben die Zeit visualisiert. Und auch besprochen, dass nicht alle Aufgaben korrekt gelöst werden müssen. Fehler dürfen sein. Wir haben darüber gesprochen, dass eine Lernzielkontrolle nur eine Momentaufnahme ist. 

Sie sagt nichts über seinen Wert als Mensch aus.

Sie sagt nicht, wie intelligent er ist.

Sie sagt nicht, ob er fleissig genug war.

Sie sagt nur etwas über die Situation. Und darüber, ob der Rahmen in diesem Moment passend war oder nicht. 

Trotzdem blieb die Angst. Die Angst, nicht gut genug zu sein. Die Angst, ausgelacht zu werden. Die Angst, das Lernziel nicht zu erreichen. Es ist ja schliesslich ein Ziel. Ziele müssen doch erreicht werden, oder? 

Zwischendurch standen die grossen Fragen im Raum:

Soll ich überhaupt etwas abgeben? Soll ich mich verweigern? Soll ich überhaupt je wieder in die Schule gehen?

Mit viel Unterstützung hat Muck es heute Morgen geschafft. Er ist in die Schule gegangen. 

Aber egal wie die Lernzielkontrolle ausgeht: Heute war bereits ein Erfolg. Denn für uns besteht die grösste Leistung nicht darin, die Aufgaben richtig zu lösen. Sondern trotz Angst hinzugehen.

 

Und am Nachmittag? Da machen wir einen Pausentag. Mit Auftanken, Durchatmen und hoffentlich ganz viel Stolz. Denn Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, sich nicht von der Angst beherrschen zu lassen und trotzdem loszugehen.

Ein Sprung ins kalte Wasser

 

23.05.2026 Endlich ist es wieder so weit. Die Sonne scheint, die Temperaturen klettern dem Sommer entgegen und bei uns wurde heute der Pool aufgestellt und befüllt. Mit kaltem Wasser. Wirklich kaltem Wasser.

Am späteren Nachmittag hielt es Muck dann nicht mehr aus. Er wollte unbedingt in den Pool. Das Wasser war kalt, wirklich noch sehr kalt. Habe ich das schon erwähnt? Aber das hielt ihn nicht davon ab.

Er stieg hinein, tauchte unter — und kam kurz darauf wieder heraus. Frisch, wach und irgendwie sichtbarer. Mehr bei sich. Mehr bei uns. Und vor allem: unglaublich stolz.

Und wir konnten sehen, wie gut ihm das getan hatte. Etwas hatte sich sortiert. Der Körper schien wieder spürbarer, der Kopf vielleicht ein bisschen ruhiger, die Welt ein kleines Stück klarer.

Dann ging es schnell unter die warme Dusche. Aufwärmen, einkuscheln, ankommen.

Und Maus? Sie machte es Muck natürlich nach. Sie hüpfte fröhlich im Wasser herum. Habe ich schon erwähnt…das Wasser war wirklich kalt!? Auch sie ging tauchen. Auch sie kam wieder heraus mit diesem besonderen Blick, den man als Eltern irgendwann erkennt: Da ist gerade etwas passiert. Nicht laut, nicht spektakulär, aber spürbar. Das kalte Wasser hatte auch bei ihr etwas in Bewegung gebracht. Es hatte geweckt, geordnet, reguliert.

Bei neurodivergenten Kindern sieht Regulation manchmal anders aus, als wir es vielleicht erwarten. Nicht immer hilft Ruhe. Nicht immer hilft ein Gespräch. Nicht immer hilft ein „Komm, atme mal tief durch“. Manchmal braucht der Körper etwas ganz Konkretes. Einen starken Reiz. Kaltes Wasser. Druck. Bewegung. Rückzug. Wärme danach. Etwas, das hilft, sich selbst wieder besser zu spüren.

Heute war es das kalte Wasser im Pool.

 

Kalt, mutig, ein bisschen verrückt und offenbar genau richtig.

Die schönste Sandspur der Welt

 

22.05.2026 Im ganzen Haus liegen Sandkörner verstreut. In der Küche, im Wohnzimmer, auf dem Sofa, auf der Treppe, bis hoch ins obere Badezimmer.

Und ich? Ja, ich bin sehr, sehr stolz.

Wie es dazu kommt? Gute Frage.

Wir waren im Garten. Der Sandkasten war offen, das Wasser griffbereit und es durfte gematscht, betoniert, geformt und gebaut werden. Alles ganz friedlich — zumindest dem Anschein nach.

Die Kinder waren beschäftigt. Sie sprachen sich ab, kooperierten, tauschten Ideen aus. Ich war mit einem Ohr dabei.

Wer darf mit welcher Schaufel bauen? Die gute Schaufel? Die kleine? Die grosse? Ein Kompromiss wurde gefunden. 

Cool, dachte ich.

Dann musste Wasser transportiert werden. Mal transportiere Maus, mal Muck. Wieder ein Kompromiss.

Wow, dachte ich.

Und dann kam sie: eine andere Idee. Eine andere Vorstellung. Ein Moment, in dem die Pläne nicht mehr zusammenpassten.

Muck rief: „Dänn halt ned!“ — und rannte ins Haus. Natürlich voller Sand. Und Matsch.

Weil er wütend war, rannte er durch die Küche, weiter ins Wohnzimmer, aufs Sofa und dann hoch ins obere Badezimmer. Man konnte an der feinen Sandspur genau nachverfolgen, welchen Weg er genommen hatte.

Ich fand ihn oben im Bad. Wütend. Enttäuscht. Die Echse war voll im Gange.

Ich blieb bei ihm. War einfach da. Half ihm beim Regulieren.

Und genau in diesem Moment spürte ich ihn: riesigen Stolz.

Denn er hat es geschafft. Er hat früh genug die Notbremse gezogen. Er hat sich aus der Situation genommen. Er hat sich zurückgezogen, bevor alles eskaliert ist. Für die Regulation braucht er noch etwas Hilfe. Die gebe ich ihm gerne.

Vor einiger Zeit wäre so eine Situation noch undenkbar gewesen. Sie wäre vermutlich komplett eskaliert. Alle wären in Tränen ausgebrochen — und bei mir der Schweiss.

Natürlich klappt das nicht immer. Natürlich ist nicht jede Situation so. Aber es ist wieder ein grosser Schritt in die richtige Richtung.

Ein Meilenstein.

Und deshalb schaue ich heute auf die Sandspur im Haus und bin stolz. Wer kann das schon von sich behaupten?

Die grosse Herausforderung: das Nichtwissen

 

21.05.2026 Nun kommt die spannende Abschlussphase in der Schule. Die Zeit vor den Sommerferien, in der gefühlt jede Woche ein Spezialprogramm stattfindet: diverse Ausflüge, die Instrumentenvorstellung der Harmoniemusik, eine Praktikantin im Klassenzimmer und … das, was Muck am meisten beschäftigt: ein Klassenlehrerwechsel.

Am Montag wurde verkündet, wer die neue Lehrperson sein wird. Die Anspannung war richtig spürbar. Am Dienstagabend schaffte Muck es dann endlich es uns zu erzählen. Nur hatte er den Namen vergessen … Zum Glück kenne ich die meisten Lehrpersonen vom Sehen her und mit Hilfe seiner Beschreibung konnten wir die Person zuordnen. Ein grosser Schritt.

Irgendwann diese Woche wird die neue Lehrperson die Klasse besuchen kommen. Doch genau dieses „Irgendwann“ bedeutet ein enormer Stress für Muck. Das Nichtwissen ist leider oft schlimmer als das Ereignis selbst.

Am Morgen, wenn ich in sein Zimmer komme, schreit er, dass er nie wieder in die Schule gehen wolle. Wenn er doch gehen müsse, werde er sich unter seinem Pult verkriechen, bis die Lehrperson wieder weg sei. Seine Strategie …

Gestern haben Mo und Muck gemeinsam eine Liste erstellt mit Dingen, an die er sich erinnern kann, wenn ihn die Angst überrollt. Er hat schon so viel geschafft. Die Superman-Pose hilft ihm, Mut zu fassen. Der Mutroller oder sein Mutstein können ebenfalls helfen. Und natürlich begleiten und unterstützen wir ihn jetzt jeden Morgen noch intensiver dort, wo er es braucht…praktisch überall.

Heute Morgen beim Frühstück meinte er dann plötzlich: „Ich hoffe, dass die neue Person heute endlich kommt. Dann hätte sich die Angst wenigstens gelohnt.“

Dieser Satz hat mich berührt. Denn er zeigt so gut, wie viel Energie Kinder wie Muck jeden Tag aufbringen müssen, um mit Veränderungen und Ungewissheit umzugehen. Dinge, die für andere „ganz normal“ wirken, können innerlich riesige Wellen auslösen.

 

Wie es weitergeht, erzählen wir dann im nächsten Beitrag.

Zusammenarbeit als Schlüssel

Gedanken aus dem Lehrgang zur Entwicklungsförderung bei Kindern im Autismus-Spektrum

 

20.05.2026 Im Rahmen meiner aktuellen Weiterbildung zum Thema Autismus durfte ich einen Einblick in das beeindruckende Autismuszentrum in Aesch / Basel erhalten. Dort arbeiten verschiedene Fachpersonen Hand in Hand zusammen: Logopäd:innen, Ergotherapeut:innen, Heilpädagogische Früherzieher:innen, Fachmänner/-frauen Betreuung und eine Ärztin – alle mit viel Motivation, Fachwissen und echtem Interesse am Kind und seiner Familie.

Besonders berührt hat mich die intensive Zusammenarbeit mit den Eltern. Sie werden von Anfang an aktiv und auch intensiv eingebunden, Ziele werden gemeinsam formuliert und ausgewählt. Die Eltern erhalten in regelmässigen Treffen Unterstützung und Beratung für den Alltag mit ihrem Kind. Zusätzlich werden Weiterbildungen angeboten, sodass Eltern sich vernetzen, austauschen und gegenseitig stärken können.

Diese Form der intensiven interdisziplinären Zusammenarbeit ist natürlich nicht in jedem Setting möglich. Trotzdem bin ich überzeugt: Gemeinsamer Austausch, gemeinsame Ziele und eine offene, ehrliche Zusammenarbeit mit den Eltern sind zentral.

Wenn ich als Logopädin „nur“ eine Lektion pro Woche mit einem Kind arbeite und es keine weiteren Übungs- oder Unterstützungsmöglichkeiten im Alltag gibt, bleiben die Fortschritte oft begrenzt. Umso wichtiger sind eine gemeinsame Haltung, gegenseitiges Verständnis und das Wissen, dass wir alle am selben Ziel arbeiten: das Kind bestmöglich zu begleiten und zu stärken und nicht, es zu verändern!

Neurodivergente Kinder brauchen nicht nur Förderung – sie brauchen ein Umfeld, das sie versteht, unterstützt und gemeinsam mit ihnen wächst.

 

Und hier geht es direkt zum Autismuszentrum GSR

Gute Tage, mittelgute Tage - und diese anderen

 

16.05.2026 Es gibt diese guten Tage. Die, an denen alles irgendwie flutscht. Alle sind zufrieden, einigermassen reguliert, die Stimmung ist gut und es ist einfach schön, zusammen Zeit zu verbringen. Man denkt dann: Wow, so kann es sein.

Und dann gibt es die mittelguten Tage. Da merkt man schon: Irgendetwas ist bei jemandem nicht ganz im Gleichgewicht. Vielleicht ist die Energie knapp, die Reize sind ein bisschen zu viel oder die Stimmung kippt schneller als sonst. Aber mit Rücksicht, guter Begleitung, etwas Humor und ein paar kreativen Umwegen lässt sich vieles auffangen.

Und dann gibt es die schwierigen Tage. Die Tage, an denen man schon am Morgen spürt: Heute ist viel los. Und meistens nicht nur bei einer Person in der Familie. Sondern gleich bei mehreren. Oft auch bei mir selbst. Wir versuchen dann gemeinsam, es irgendwie aufzufangen. Zu meistern, gelassen zu bleiben, nicht alles persönlich zu nehmen und Schritt für Schritt durch den Morgen zu kommen. Aber manchmal ist beim einen schon der blosse Gedanke, sich umziehen zu müssen, zu viel. Die Socke sitzt beim anderen einfach nicht richtig am Fuss. Das Müesli ist zu milchig. Jemand vermisst herzzerreissend die Banane, die gestern schon gegessen wurde. Die Stimme des Gegenübers stört. Auf dem Tisch liegt der falsche Löffel. Beide möchten genau dieselbe Tasse. Im Znüniböxli sind nur falsche Dinge. Die Banane fehlt immer noch. Und im Schuh ist ein Stein, den niemand finden kann – der aber ganz eindeutig gespürt wird. Und die Banane…ihr wisst schon.

Und dann ist es erst 7.20 Uhr. Manchmal geht der Tag dann genau in diesem Stil weiter. Langsam, zäh, voller Gefühle. Alles ist langweilig, falsch, zu anstrengend oder braucht viel zu viel Energie. Die Nerven sind aufgebraucht, aber Rückzug ist trotzdem nicht möglich, weil Nähe gleichzeitig ganz stark gebraucht wird. Niemand möchte, dass der andere etwas macht, das cooler ist. Gemeinsam etwas machen wäre eigentlich der grosse Wunsch – aber auch das braucht wieder Energie, die gerade niemand hat.

Und bei mir? Bei mir leert sich der Nerventank Stück für Stück. Im Kopf ploppen To-Dos auf, die ich nicht erledigen kann, aber eigentlich erledigen will. Der Wunsch nach Rückzug, Ruhe und einfach kurz niemandem-antworten-müssen wird immer grösser. Gleichzeitig ist genau das oft nicht wirklich umsetzbar bzw. ich schaffe es nicht mich zu lösen.

An solchen Tagen heisst es: durchhalten. Rausgehen, wenn es irgendwie möglich ist. Sich mit dem Partner aufteilen, wenn er da ist. Abwechseln. Erwartungen auf ein Minimum reduzieren. Kurz einer Freundin eine Sprachnachricht schicken. Da sein. Aushalten. Bleiben. Weniger Müssen. Weniger „das geht jetzt nicht“ und „du darfst nicht“. Mehr Alternativen. Mehr Atmen. Mehr kleine Schritte.

Aber ganz ehrlich: Wenn ich selbst dysreguliert bin – In meinem Kopf läuft dann ungefähr: Ich kann doch jetzt nicht auch noch dysreguliert sein, wenn meine Kinder es schon sind. Das geht doch nicht! Spoiler: ähm…doch. Geht offenbar. – dann ist das Ganze eine echte Mammutaufgabe.

Dann hangle ich mich irgendwie durch den Tag, zähle manchmal innerlich die Stunden bis Mo nach Hause kommt und hoffe, dass irgendwann alle todmüde ins Bett fallen. Am besten inklusive mir.

Und am Schluss ist er zum Glück trotzdem da, dieser hoffnungsvolle Gedanke:
Morgen kann es wieder leichter werden.

Lesenacht in der Schule

 

13.05.2026 Gestern fand die Lesenacht in der Schule von Muck statt. Für viele Kinder eine spannende Erfahrung, die mit gewissen Ängsten verbunden ist, für andere einfach ein tolles Erlebnis. Für Muck– und uns – ist sie ein riesiges Abenteuer mit ganz viel Vorbereitung, Begleitung, Anspannung und Mut.

Seit den Sommerferien sammelten die Kinder fleissig Antolin-Punkte. Bei 5000 Punkten wurde eine Lesenacht versprochen. Schon da war für uns klar: Das könnte klappen, könnte … und gleichzeitig wird es eine grosse Herausforderung werden.

Was wir schätzen: Die Schule hat Muck von Anfang an gut begleitet. Bereits zu Beginn des Schuljahres nahm die EGU-Lehrperson das Thema mit ihm auf. Gemeinsam wurde besprochen, was er braucht, was ihm Sicherheit gibt, wer oder was ihm helfen könnte – und natürlich durfte auch sein Gewichtstier Trici nicht fehlen. Schritt für Schritt wurde die Lesenacht so für ihn greifbarer.

Anfang dieses Jahres hatte die Klasse die 5000 Punkte bereits erreicht. Es gab einige richtige Leseratten, die den Punktestand schnell in die Höhe schiessen liessen. Bis dahin war Muck völlig motiviert und hatte begeistert gelesen. Danach meinte er plötzlich, es spiele ja nun keine Rolle mehr, ob er weiterlese oder nicht. Der Punktestand sei ja sowieso schon erreicht. Eine Bezugsperson bemerkte das sofort und motivierte die Klasse mit einem neuen Ziel: Bei 7000 Punkten würde ein Überraschungs-Kuchen gebacken werden. Und genau solche kleinen Dinge können manchmal unglaublich viel bewirken.

Als dann der Brief zur Lesenacht kam, stieg die Anspannung bei ihm merklich. Denn Vorfreude und Stress gehen bei uns in solchen Situationen oft Hand in Hand. Während andere Kinder vielleicht überlegen, welches Buch sie mitnehmen sollen, wie es wohl ist in der Nacht mit den Freunden in der Aula zu sein, welches Kuscheltier sie mitnehmen möchten und sich mit einer feste Umarmung bei den Eltern den  Mut holen, den sie noch brauchen, braucht es bei neurodivergenten Kindern oft viel mehr Vorbereitung, Gespräche, Sicherheit und Regulation – davor, währenddessen und auch danach. Bald war für Muck aber klar: Er möchte es auf jeden Fall probieren.

Das Zusammenspiel zwischen Schule und Zuhause verlief dabei richtig gut. Mit Muck wurde nochmals alles genau besprochen. Die Idee, wie der  geheimnisvolle Kuchen genau werden würde, wurde mit ihm geplant. Nur er wusste Bescheid. Die Smarties-Füllung darin blieb für die anderen Kinder eine Überraschung – und genau darauf freute er sich riesig: die Reaktionen der anderen Kinder zu sehen.

Er durfte selbst entscheiden, ob er lieber in einer ruhigeren Ecke oder mitten im Getümmel neben seinem Freund schlafen möchte. Er packte all seine Hilfsmittel ein: die Gewichtsdecke, Kissenspray, seinen Wecker, Trici und natürlich gute Bücher. Und wir Eltern versprachen ihm, dass er jederzeit anrufen dürfe (das Handy bleibe stets auf laut) und wir ihn sofort abholen würden, wenn es zu viel wird. Auch die Abmachung, dass ich ihn am nächsten Tag ausnahmsweise direkt von der Schule abhole, gab ihm nochmals zusätzliche Sicherheit.

So konnte er zwar angespannt, mit ziemlich Bammel, aber auch voller Vorfreude losgehen.

Und wisst ihr was?

Er hat es geschafft!

Und nein – das bedeutet nicht, dass alles plötzlich einfach ist oder dass solche Situationen nun selbstverständlich werden. Sie bleiben anstrengend. Sie brauchen unglaublich viel Begleitung, Verständnis, Energie und Regulation. Oft vor, während und auch noch einige Zeit danach.

Aber genau deshalb fühlen sich solche Momente so gross an. Weil unser Muck spüren darf: „Ich habe mich etwas getraut. Und ich habe es geschafft.“

 

Nun liegt ein verlängertes Wochenende vor uns – mit viel Erholung, Regulation und vielen tollen Eindrücken der Lesenacht. Und bei uns Eltern ist da dieses wunderbare leise Gefühl, dass manchmal wieder ein kleines Stück mehr möglich wird.

Ein Zoo, zwei Süssigkeiten und viele Gedanken

 

09.05.2026 Manchmal gibt es bei uns Missverständnisse. Nicht, weil jemand extra schwierig sein möchte. Nicht, weil jemand die Situation absichtlich kompliziert macht. Sondern weil in unseren Köpfen manchmal unterschiedliche Logiken laufen.

Was für die eine Person völlig klar ist, kann für die andere Person überhaupt nicht stimmen.

So war es letztens im Zoo. Zum Abschluss durfte sich jedes Kind noch eine Süssigkeit aussuchen. Eigentlich eine schöne Sache. Ein kleiner Abschluss nach einem tollen Ausflug. Aber Auswählen ist nicht immer leicht. Vor allem dann nicht, wenn nicht nur der eigene Geschmack eine Rolle spielt, sondern auch Fragen wie: Ist das gerecht? Hat die andere Person länger etwas davon? Ist meins dann kleiner? Habe ich dann weniger?

Maus entschied sich für einen Schlecker. Muck überlegte lange hin und her. Er mag Schlecker eigentlich gar nicht besonders gerne. Aber Maus hätte mit einem Schlecker natürlich viel länger etwas zu essen als er, wenn er zum Beispiel eine Gummischlange nehmen würde.

Und genau da begann die Anspannung zu steigen. Für Muck fühlte es sich plötzlich nicht mehr gerecht an. In seiner Logik bedeutete gerecht: Alle haben das Gleiche. Oder zumindest etwas, das gleich lange dauert, gleich gross wirkt oder gleich viel ist. Deshalb wollte er Maus überzeugen, dass sie genau das Gleiche nimmt wie er. Ich gebe zu: Im ersten Moment war ich genervt. In meinem Kopf war die Situation nämlich ganz einfach. Jedes Kind darf sich etwas aussuchen. Also nimmt jedes Kind das, was es am liebsten möchte. Fertig.

Aber so einfach war es für Muck nicht. Für ihn stand nicht der eigene Geschmack im Vordergrund, sondern die Frage nach Gerechtigkeit. Und sein innerer Massstab für Gerechtigkeit war ein anderer als meiner. Während ich dachte: „Gerecht ist, wenn jede Person das auswählen darf, was sie gerne mag“, dachte er: „Gerecht ist, wenn alle das Gleiche haben.“ Am Ende fanden er mit Maus einen Kompromiss. Maus nahm eine Packung M&Ms und Muck die Gummischlange. Das war für beide in Ordnung. Die Anspannung sank wieder.

Später habe ich über die Situation nachgedacht. Und ich merkte: Das war eigentlich ein gutes Beispiel dafür, wie Missverständnisse bei Neurodivergenz entstehen können. Nicht aus bösem Willen. Nicht aus Trotz. Sondern aus unterschiedlichen Denkwegen.

Für Muck war das Problem real. Es ging nicht einfach um eine Süssigkeit. Es ging um Fairness, Vergleichbarkeit und darum, dass sich etwas innerlich „richtig“ anfühlen muss. Für mich als Erwachsene war es eine kleine Alltagssituation. Für ihn war es in diesem Moment gross.

Aus dieser Situation entstand dann eine Social Story.

In der Geschichte geht es darum, dass alle Menschen gerne etwas Leckeres aussuchen. Manchmal sieht vieles lecker aus. Manchmal vergleicht man mit anderen. Manchmal fragt man sich, ob die andere Person mehr hat oder länger etwas davon hat.

Die Social Story erklärt: Es müssen nicht alle das Gleiche nehmen. Denn nicht alle Menschen haben den gleichen Geschmack. Eine Person mag Schlecker, eine andere nicht. Eine Person freut sich über etwas Kleines, eine andere über etwas Grosses. Die Grösse ist nicht immer entscheidend. Auch die Dauer ist nicht immer entscheidend.

Entscheidend ist: Jede Person darf etwas Leckeres haben. Und jede Person darf etwas wählen, das ihr selbst gut schmeckt.

Für uns sind solche Geschichten hilfreich, weil sie eine Situation in Ruhe erklären. Nicht mitten in der Anspannung, wenn sowieso schon alles zu viel ist. Sondern später, wenn das Nervensystem wieder etwas sortierter ist. Dann kann ich diese Geschichte in einer ruhigen Situation vorlesen. Ohne alles nochmals durchzukauen. Die Kinder können zuhören, die Situation kann nachklingen. Niemand muss sich angegriffen fühlen. Niemand wird beschuldigt. Ein Missverständnis kann aufgeklärt werden, eine andere Logik kann gehört und erklärt werden.

Ich glaube, genau darin liegt viel Entlastung. Es ist keine Anklage, keine Rechtfertigung, kein Druck…sondern einfach eine Geschichte.

Wenn wir verstehen, dass hinter einem Verhalten oft eine eigene Logik steckt, können wir anders reagieren. Nicht immer perfekt. Ich war wirklich genervt. Aber vielleicht mit etwas mehr Verständnis. Mit etwas mehr Neugier. Und mit der Bereitschaft, nach der eigentlichen Frage hinter dem Verhalten zu suchen.

Manchmal lautet diese Frage nicht: „Warum machst du jetzt so ein Theater?“

Sondern eher: „Was fühlt sich für dich gerade ungerecht an?“

Und manchmal braucht es dann keine grosse Lösung. Sondern eine kleine Geschichte, die hilft, die Welt ein bisschen anders zu sehen und verstehen.

 

Buchempfehlung: Es tanzt ein kleiner Pinguin

 

03.05.2026 „Es tanzt ein kleiner Pinguin“ von Carla Häfner war für uns weit mehr als ein niedliches Kinderbuch – es wurde zu einem echten Anker in einer Babyzeit, die von Anfang an auch neurodivergent geprägt war, nur wussten wir es damals noch nicht. Gerade in einem Alltag, in dem Wahrnehmung, Reizverarbeitung und Interaktion oft anders verlaufen, sind solche niedrigschwelligen, spielerischen Zugänge unglaublich wertvoll.

Das Buch lebt von Bewegung, Rhythmus und Wiederholung – genau den Elementen, die vielen Kindern Sicherheit geben. Ob auf der Wickelkommode, auf dem Boden oder auf dem Sofa: Die kleinen Kniereiter, Bewegungsspiele und überraschenden Momente haben uns immer wieder in Verbindung gebracht. Es waren diese Augenblicke, in denen aus Unsicherheit plötzlich Freude wurde – dieses Staunen, gefolgt von lautem Glucksen und echtem Lachen. Kein „Funktionieren müssen“, sondern gemeinsames Erleben.

Besonders schön ist, wie flexibel sich die Inhalte anpassen lassen. Manche Tage brauchen mehr Ruhe, andere mehr Bewegung – das Buch macht beides mit. Es hilft dabei, Rituale zu entwickeln, ohne starr zu sein: ein ruhiges Lied zum Runterkommen, ein lebendiges Spiel zum Wachwerden oder ein tröstender Ablauf, wenn die Welt gerade zu viel ist. Gerade für Kinder mit Besonderheiten lassen sich auch Berührungsangebote wie Fussmassagen oder auch sanfte Hüftbewegungen wunderbar einbauen – spielerisch, achtsam und im Tempo des Kindes.

Auch aus fachlicher Sicht – gerade im logopädischen Kontext – ist dieses Buch ein kleines Juwel. Es lädt dazu ein, in echte Interaktion zu gehen: sich selbst bewusst „gross“ und „sichtbar“ zu machen, gemeinsam Aufmerksamkeit zu teilen und Kommunikation nicht nur über Worte, sondern über Mimik, Bewegung und Rhythmus entstehen zu lassen. Unterstützte Kommunikation kann hier ganz natürlich Platz finden, ohne künstlich zu wirken.

 

In diesem Buch steht etwas ganz zentral im Vordergrund: Beziehung. Dieses Buch schafft Momente, in denen wir unser Kind wirklich erreichen konnten – nicht über Erwartungen, sondern über Freude, Wiederholung und gemeinsames Erleben. Gerade im neurodivergenten Alltag sind solche Inseln unbezahlbar. Ein herzliches Dankeschön an Carla Häfner für dieses besondere Buch.

Mehr als ein Band: Der Sunflower Lanyard im echten Alltagstest

 

22.04.2026 Wenn uns vor einem Jahr jemand gesagt hätte, dass wir als Familie in ein Flugzeug steigen würden, hätten wir vermutlich nur gelacht. Oder den Kopf geschüttelt. „Nein, nie. Zu gross, zu viel Neues, keine Chance.“ Genauso – oder zumindest sehr ähnlich – klang es bei uns zu Hause, als wir Eltern die Idee einer etwas weiteren Sommerreise in den Raum stellten.

Also haben wir das gemacht, was in unserer neurodivergenten Realität oft der Schlüssel ist: wir haben vorbereitet. Ganz langsam, ganz spielerisch. Bilderbücher zum Thema Fliegen, Stickerhefte, Gespräche. Ein Lego-Flugzeug, ein kleiner Flughafen – gemeinsam aufgebaut, immer wieder bespielt. Und mittendrin: ein kleines Männchen mit dem Sunflower Lanyard. Sichtbar. Vertraut. Unser Anker im Spiel und später auch in der echten Welt.

Wir haben erklärt, beschrieben, Fragen gesammelt und Menschen ausgefragt, die schon geflogen sind. Stück für Stück wurde aus einem klaren „Nein“ ein vorsichtiges „Hmm… vielleicht doch interessant.“ Und dieses „Vielleicht“ war für uns schon ein riesiger Schritt.

Also haben wir uns getraut. Eine kurze Reise gebucht. Noch mit angezogener Handbremse, aber mit Hoffnung. Und weil gute Vorbereitung bei uns alles ist, haben wir zuerst einen Ausflug zum Flughafen organisiert – ganz ohne Flug. Einfach schauen. Erleben. Verstehen. Mit Zuschauertribüne. Und: mit Sicherheitskontrolle.

Mit Rucksäcken bepackt und einer guten Portion Mut ging es los. Muck trug seinen Sunflower Lanyard – ein kleines Detail mit grosser Wirkung. Schon die Zugfahrt klappte wunderbar. Am Flughafen angekommen, liessen wir alles erst einmal auf uns wirken. Orientierung finden, eine ruhige Ecke entdecken, etwas essen, das allen schmeckt. Kleine Inseln der Sicherheit im grossen Trubel.

Dann kam sie: die Sicherheitskontrolle.

Ein Moment, der für viele Kinder einfach dazugehört – für unsere kann er alles kippen.

Doch dann passierte etwas, das wir nicht planen konnten, das aber alles verändert hat: Ein Sicherheitsbeamter bemerkte den Lanyard. Er ging in die Hocke, auf Augenhöhe mit Muck. Ruhig. Freundlich. Er erklärte jeden Schritt. Ohne Druck. Ohne Hektik.

Muck hörte aufmerksam zu. Sichtbar angespannt – aber dabei.

Zuerst gingen Papa und Maus durch die Kontrolle. Alles problemlos. Dann war Muck dran.

Und natürlich – wie sollte es anders sein – piepste es ausgerechnet bei ihm. Zusätzliche Kontrolle. Ungeplant. Unerwartet. Zu viel. Der Moment kippte. Ein Meltdown.

Doch auch hier zeigte sich, wie entscheidend das Umfeld ist. Der Beamte blieb ruhig. Signalisierte uns: Alles ist okay. Wir haben Zeit. Es stört niemanden. Kein Stress, kein Druck von aussen. Eine schwierige Situation – mit optimalen Bedingungen.

In meinen Armen konnte Muck sich langsam wieder regulieren. Schritt für Schritt zurück ins Hier und Jetzt. Die Kontrolle wurde möglich. Und wir konnten weitermachen.

Danach: Flugzeuge beobachten. Spielen. Die Sicherheitskontrolle noch einmal aus sicherer Distanz anschauen. Verarbeiten. Verstehen.

Auf dem Heimweg sprachen wir nochmals über alles. Über das Piepsen, die Kontrolle, die Gefühle. Und irgendwann war da dieser Satz:

„Wir schaffen das. Beim nächsten Mal.“

Und wir haben es geschafft.

Unsere kurze Reise wurde Realität – und sie wurde ein voller Erfolg. Natürlich nicht perfekt. Natürlich mit kleinen Stolpersteinen. Aber getragen von Vorbereitung, Verständnis und vielen positiven Begegnungen. In Zügen, an Flughäfen, in öffentlichen Räumen – die meisten Menschen waren rücksichtsvoll, geduldig und offen.

Ein ganz besonderes Highlight beim Rückflug: Die Kinder durften mit Papa ins Cockpit und die Piloten kennenlernen. Ein Moment, der alles, was vorher war, in ein neues Licht gerückt hat.

Und die Sicherheitskontrollen? Die sorgten weiterhin für Stirnrunzeln – allerdings aus einem ganz anderen Grund. Unser Handgepäck wurde jedes Mal genauer angeschaut. Verdächtig. Unklar. Erklärungsbedürftig.

Der Inhalt? Die Gewichtstiere der Kinder.

Manchmal sind es genau diese kleinen, scheinbar ungewöhnlichen Dinge, die den Unterschied machen. Genau wie ein Lanyard, das signalisiert: Hier ist jemand, der die Welt vielleicht ein bisschen anders wahrnimmt.

Und genau das ist okay.

 

Und wir? Wir planen unsere längere Reise im nächsten Jahr.

So viel Freude!

 

13.04.2026 Bei uns ist wenig klein oder nur halb da. Gefühle zeigen sich nicht dezent, sondern mit voller Kraft. Traurigkeit ist nicht einfach ein stiller Moment, sondern kann sich anfühlen wie ein Gewitter. Wut kommt nicht leise, sondern mit Wucht. Eifersucht wird schnell zu einem inneren Drama. Was dabei aber manchmal vergessen geht: Die Freude ist genauso gross.

 

Wenn wir zusammen lachen, dann mit allem, was dazugehört. Nicht nur ein kurzes Lächeln, sondern echtes, tiefes Lachen, das den ganzen Körper erfasst. Beim legendären Überholspiel – zu Fuss oder auf dem Velo,– wird aus einem einfachen Weg plötzlich ein spassiges Erlebnis. Die Regeln sind natürlich klar, der Ehrgeiz voll dabei und der Spass sowieso. Oder dieses „Tschuttekäschtela“ im Garten. Wenn ein Spieler sich die „Zehen“ anschlägt, ist das jedes Mal wieder urkomisch. Warum genau, weiss niemand so recht – aber das Gelächter ist zuverlässig da. Und beim Raufen mit Papa wechseln sich Kichern, Kämpfen, auf den Boden ringen und sofortiges Aufstehen in erstaunlichem Tempo ab. Selbst das Zähneputzen ist bei uns selten einfach nur Alltag. Mal taucht Frau Zahn auf und prüft was alles gegessen wurde und ob sie das auch wirklich mag, mal muss das Zahnputzmönsterchen seinen Senf dazugeben und mit viel Trara die Zähne putzen oder Papa erzählt seine weltberühmten Geschichten von Lumina dem Einhorn. Was von aussen wie eine ganz normale Routine aussieht, wird bei uns schnell zu einer kleinen Szene voller Fantasie, Spiel und natürlich auch Emotionen.
Neurodivergenz bedeutet für uns, dass wir die Welt intensiver erleben. Reize wirken stärker, Übergänge fallen schwerer, Gefühle kommen unmittelbarer und kraftvoller. Das ist nicht einfach – weder für die Kinder noch für uns Eltern. Es bedeutet auch, dass Freude nicht einfach nur angenehm ist. Sie ist mitreissend, ansteckend und sehr echt.
Diese Momente lassen sich meist nicht planen. Sie entstehen irgendwo zwischen Alltag, Unordnung und dem dritten Anlauf, endlich das Haus zu verlassen. Aber wenn sie da sind, lohnt es sich, kurz innezuhalten. Mitten im Trubel. Mitzulachen. Mitzufühlen. Und für einen Augenblick alles andere in den Hintergrund rücken zu lassen.
Denn am Ende sind es genau diese Augenblicke, die bleiben. Nicht die perfekt organisierten Tage und auch nicht die seltenen ruhigen Minuten, sondern dieses ungefilterte, lebendige und ehrliche Erleben.
Ja, bei uns ist vieles intensiv und  auch anstrengend. Aber die Freude gehört genauso dazu. Und genau das möchten wir nicht missen.

Erstkommunion und alles was dazugehört

 

13.04.2026 Am Wochenende war bei uns Weisser Sonntag und Muck durfte seine Erstkommunion feiern. Das war wunderschön, ganz besonders – und natürlich auch aufregend. Anstelle von Vorfreude, tauchten bei uns schon lange vorher ganz viele Fragen auf. Was passiert da eigentlich genau? Was wird erwartet? Wie ist die Kirche gestaltet und dekoriert? Was genau macht der Pfarrer? Wie laut ist die Band? Wie fühlt sich die Kutte an? Kann ich sie überhaupt so lange tragen? Und wie schmeckt eigentlich eine Hostie? Fragen über Fragen – und oft gibt es im Vorfeld nur wenig wirklich konkrete Antworten.

Genau deshalb war die Vorbereitung für uns so wichtig. Nicht irgendwann kurz vorher, sondern Schritt für Schritt, Tag für Tag. Die Kutte wurde schon mehrere Tage vorher zu Hause anprobiert, damit sie nicht erst am grossen Tag plötzlich zum Thema wird. Kleine und grössere Krisen gehörten dabei einfach mit dazu und wurden jeden Tag aufs Neue gemeinsam bewältigt. Am Tag vor der eigentlichen Probe machten wir dann noch einen ganz eigenen Vorbereitungsausflug in die Kirche. Einfach in Ruhe hingehen, alles anschauen, den Raum auf sich wirken lassen und so viel wie möglich besprechen. Ohne Trubel, ohne Zeitdruck, einfach in unserem Tempo.

Auch die Probe selbst haben wir geschafft – und sie ist gut verlaufen. Danach war Muck zwar sehr müde, aber man hat gemerkt, dass sie ihm Sicherheit gegeben hat. Und genau das war so wichtig.

Und dann war er da, dieser grosse Tag. Die Erstkommunion ist inzwischen vorbei und wir sind einfach nur dankbar, wie gut alles geklappt hat. Muck war zwar angespannt, konnte aber alles mitmachen. Der Gottesdienst war schön und stimmungsvoll.

Danach gingen wir zuerst nach Hause. Im Auto wurde kurz durchgeatmet, etwas getrunken und ein kleiner Riegel gegessen. Zu Hause angekommen, liessen uns unsere Gäste ganz bewusst erst einmal ein paar Minuten zum Ankommen, bevor es dann gemeinsam weiterging. Das tat unglaublich gut.

Das Mittagessen konnte Muck dann mit allen anderen Gästen zusammen geniessen. Seine Onkel haben extra als Erstes die Würstchen grilliert, damit er und die anderen Kinder gleich mit dem Essen beginnen konnten.

Nach dem Essen zog sich Muck auf eigenen Wunsch noch eine halbe Stunde in sein Zimmer zurück. Auch das durfte sein und hatte seinen Platz. Danach kam er wieder dazu, suchte sich Spielpartner für Schach und den Tschüttelikasten und genoss den ganzen Tag in vollen Zügen.

Am Abend sagte er dann: „Die Erstkommunion war noch schöner als mein Geburtstag. Es hat sich immer jemand Zeit für mich genommen und ich konnte alles machen, was mir Spass macht!“

Und ich glaube, schöner kann man so einen Tag gar nicht zusammenfassen. Genau das war für ihn mit Abstand das schönste Geschenk.

 

Und wir als Eltern sind einfach froh und dankbar, dass wir diesen Tag auf unsere Art so gut gemeistert haben. Wieder einmal ist uns bewusst geworden, wie wichtig ein sicherer Ort ist – ein Ort, an dem Muck jederzeit einen Rückzugsort hat und sich wirklich wohlfühlen kann. In einem Restaurant wäre ein so entspanntes und gelungenes Fest für uns in dieser Form nicht möglich gewesen. Umso schöner war es zu erleben, dass es auf diese Weise für alle ein gelungener Tag werden konnte.

Grosse Ängste brauchen intensive Begleitung

 

04.04.2026 Es gibt Ängste, die sind sinnvoll. Sie schützen uns, machen uns aufmerksam und helfen uns, reale Gefahren einzuschätzen. Und dann gibt es diese anderen Ängste – die überwältigenden, die sich echt anfühlen, in Wahrheit aber Trickbetrüger sind. Sie schleichen sich ein, wirken absolut echt und nehmen irgendwann so viel Raum ein, dass kaum noch Handlung möglich ist. Sie blockieren, erschöpfen und rauben Kraft.

Für neurodivergente Kinder – ob im Autismus-Spektrum, mit ADHS oder anderes – sind solche Ängste oft besonders intensiv. Nicht, weil sie „übertreiben“, sondern weil ihr Nervensystem anders arbeitet. Unsicherheiten, fehlende Vorhersehbarkeit, sensorische Reize oder unklare Abläufe können sich schnell zu etwas Grossem aufbauen. Etwas, das von aussen vielleicht klein wirkt, ist innen riesig.

Deshalb brauchen grosse Ängste keine schnellen Lösungen und keinen Druck. Kein „Das ist doch nicht schlimm“ und kein „Du musst jetzt einfach“. Was sie brauchen, ist Co-Regulation: ein Gegenüber, das ruhig bleibt, Halt gibt und mitträgt. Jemand, der da ist. Der versteht. Der nicht bewertet.

Ein wichtiger Schritt – für Kinder wie auch für uns Erwachsene – ist der gemeinsame Realitätscheck: Ist das eine Angst, die mich schützt? Oder ist es eine Trickbetrüger-Angst, die mich lähmt? Diese Unterscheidung fällt neurodivergenten Kindern oft schwer, weil sich beides gleich intensiv anfühlen kann. Genau hier braucht es Begleitung, nicht Korrektur.

Am letzten Montag war so ein Tag. In der Schule stand eine Evakuierungsübung an. Objektiv eine sinnvolle Sache. Für Muck jedoch eine massive Herausforderung. Die Ungewissheit war kaum auszuhalten: Wie läuft das ab? Was wird erwartet? Wie laut ist der Alarm? Wie hört er sich genau an? Wann beginnt er? Kommt er plötzlich? Viele Fragen, wenige konkrete Antworten. Dazu wenig Schlaf. Das Nervensystem längst im Alarmmodus.

Am Morgen dann der Zusammenbruch. Nichts geht mehr.

Und genau hier zeigt sich, was neurodivergente Kinder wirklich brauchen. Nicht ein „Jetzt musst du aber“, sondern ein „Ich bin da“. Gemeinsam gehen wir zur Schule. Ich bleibe bei ihm, gebe Sicherheit, Nähe, Orientierung. Kleine Dinge werden gross: Meine Lippenpomade wird zum Rettungsanker. Ein vertrautes Objekt, das Kontrolle und Sicherheit gibt.

Wir sprechen über Möglichkeiten. Über das, was gerade hilft. Über die Trickbetrüger-Angst. Und dann passiert etwas, das oft unterschätzt wird: Wir tun scheinbar nichts. Wir sitzen. Vierzig Minuten lang. Auf einer Bank. Und genau dieses „Nichts“ ist in Wahrheit hochwirksam. Co-Regulation. Nervensystem beruhigen. Gemeinsam aushalten, statt wegdrücken.

Eine Bezugsperson in der Schule reagiert genau richtig. Sie versteht Neurodivergenz nicht nur theoretisch, sondern praktisch. Kein Druck, kein Beschleunigen, kein „Du verpasst den Unterricht“. Stattdessen gibt sie Raum. Sie bringt Wasser. Sie lässt Emotionen zu. Schimpfen, weinen – alles darf sein. Lösungen werden gemeinsam gesucht, geprüft und auch wieder verworfen. Flexibilität statt starrer Vorgaben.

Diese Haltung ist entscheidend: Unterstützung statt Anpassungsdruck.

Und dann – nach all dem Aushalten, Regulieren, Begleiten – kommt der Moment, der nicht erzwungen werden kann: „Mama, du kannst gehen. Ich schaff das.“

Selbstwirksamkeit entsteht nicht durch Druck. Sie wächst aus Sicherheit.

Ich gehe. Mit Unsicherheit, aber auch mit Vertrauen. Und er schafft es. Am Mittag kommt er nach Hause – erschöpft, aber stolz. Und dieser Stolz wiegt mehr als jeder „funktionierende“ Morgen ohne Widerstand.

Was bleibt, ist eine wichtige Erkenntnis für den Alltag mit unserem Muck: Verhalten ist Kommunikation. Hinter dem Widerstand steckt kein „Nicht-Wollen“, sondern ein „Nicht-Können – noch nicht“. Und grosse Ängste lassen sich nicht wegargumentieren. Sie brauchen Beziehung, Zeit und ein Gegenüber, das mitträgt.

Manchmal braucht es genau das:

Zeit. Raum. Verständnis.

Ein vertrautes Objekt.

Und einen Menschen, der bleibt.

Bis ein Kind sagen kann:

 

„Ich schaff das.“

Mehr als nur Stoff: Die Kraft der Kapuze

 

27.03.2026 Jacke an, Kapuze rauf – und so läuft unser Muck am liebsten durch den Tag. Draussen, drinnen, fast egal wo. Für ihn ist das kein modisches Statement, sondern ein kleines Stück Sicherheit. Die Kapuze dämpft Eindrücke, schützt vor Kälte, vor Geräuschen, vor Blicken. Und manchmal… kann man sich darin auch einfach ein bisschen verstecken. Ehrlich gesagt: eine tolle Strategie.

Von aussen betrachtet wirkt das vielleicht ungewohnt. Wenn es regnet – klar. Aber bei Sonnenschein? Da schauen die Leute schon mal etwas irritiert. Man merkt förmlich die Fragezeichen in ihren Köpfen.

Und dann kommt sie, diese leise Stimme in meinem Kopf: „Sollte er die Kapuze nicht runternehmen?“, „Was denken die anderen?“

Die korrekte Antwort: Es ist eigentlich nicht wichtig, was andere denken. Die ehrlichere Antwort: Ich muss mich trotzdem immer wieder daran erinnern.

Denn für Muck bedeutet die Kapuze weniger Stress. Weniger Reize. Weniger Energieverbrauch. Und das ist im Alltag ein riesiger Unterschied. Also ja – ich erinnere mich daran. Jeden Tag aufs Neue. Sonst würde ich ihn wahrscheinlich immer wieder bitten, sie doch bitte runterzunehmen.

Inzwischen geht die Entwicklung weiter: Kapuze ist nicht mehr nur Jacke, sondern auch Pulli bzw. Pulli-Jacke. Der Wunsch ist klar – möglichst oft dieses angenehme „geschützt sein“-Gefühl. Und ich gebe zu: Ich bin gespannt, wie andere Menschen darauf reagieren. Hoffentlich offen. Hoffentlich neugierig statt kritisch. Und der Sommer? Ganz pragmatisch gelöst: ein cooles Sonnencap mit dem NASA Logo für unseren Weltraumfan. Möglichst den ganzen Tag. Funktioniert ähnlich gut.

Was für viele nach einer Kleinigkeit aussieht, ist für Muck ein wichtiges Werkzeug im Umgang mit der Welt. Eine einfache Strategie, um sich selbst zu regulieren. Und vielleicht ist genau das der Punkt: Nicht alles, was ungewöhnlich wirkt, ist problematisch. Manches ist einfach nur eine richtig gute Lösung.

Wenn die Echse kommt

 

10.03.2026 Heute war der Schulalltag anstrengend. Es waren einige soziale Situationen, die Muck recht forderten. Auch der Heimweg am Mittag war schwierig, da er mit seinem besten Freund eine Auseinandersetzung hatte. Das Stresslevel war hoch.

Zu Hause angekommen versuchten wir, wie jeden Mittag, es ruhig zu nehmen. Von den vorangegangenen Erlebnissen wussten wir natürlich nichts.

Maus und ich hatten am Morgen an einem Bastelprojekt weitergearbeitet, an dem Muck vorher auch mitgewirkt hatte. Es war nichts Grosses, einfach ein gemeinsames Projekt für unser Fenster.

Doch als Muck das sah, fühlte es sich für ihn anders an. Wir hatten weitergemacht. Ohne ihn. Es war entschieden worden. Ohne ihn. Und plötzlich war alles zu viel.

Der Zusammenbruch kam schnell und mit voller Wucht. Keine Kontrolle mehr über die Gefühle, nur noch Überforderung. Schreien, drohen, weinen. Der ganze Körper im Alarmzustand. Wer das noch nie erlebt hat, denkt vielleicht an Trotz oder Wut. Doch in Wirklichkeit ist es etwas anderes: ein Nervensystem, das gerade völlig überlastet ist.

Die sogenannte „Echse im Kopf“ hat übernommen. Unser Gehirn hat einen sehr alten Teil die Amygdala – im Buch Lily, Ben und Omid von Marianne Herzog wird er liebevoll „die Echse“ genannt. Dieser Teil ist für Überleben zuständig: Kampf, Flucht oder Erstarren. Wenn er das Kommando übernimmt, ist Denken kaum noch möglich. Logik, Erklärungen oder Vernunft kommen in diesem Moment einfach nicht mehr an.

Eine gute halbe Stunde dauerte dieser Sturm. Mehr als 30 Minuten sass Maus daneben und beobachtete alles. Auch für sie war das eine Herausforderung. Sie hätte vielleicht helfen wollen, etwas sagen oder tun – aber in diesem Moment brauchte Muck nur mich. Und sie musste warten und aushalten.

Als sich Muck langsam beruhigte und mich nicht mehr brauchte, ging ich zu ihr, nahm sie in den Arm. Da schaute sie mich an und sagte ganz ruhig: „Gäll Mama, jätzt hät dEchsa im Kopf vom Muck sKommando ka. Das hät mer Angscht gmacht. Aber ihm secher oh!“

Ich war sprachlos. Sie konnte es einordnen. Sie konnte erklären, was passiert war. Und sie konnte ihre eigenen Gefühle benennen. Was für ein Geschenk. Kinder – besonders neurodivergente Kinder – erleben ihre Emotionen oft intensiver, schneller und körperlicher. Ein Zusammenbruch ist kein Schauspiel und keine Entscheidung. Es ist ein Nervensystem, das gerade Schutz sucht.

 

Doch genauso wichtig ist, was rundherum passiert: Geschwister, die beobachten. Kinder, die verstehen lernen. Und Worte finden für etwas, das sich manchmal so gross anfühlt. Dass Maus das kann, hat mich tief berührt. Nicht, weil der Moment einfach war – sondern weil er zeigt, wie viel Verständnis wachsen kann, wenn wir gemeinsam über Gefühle sprechen. Was für eine tolle Eigenschaft. Und was für eine Stärke. 

ADHS - Medikamente: ja oder nein?

 

09.03.2026 Kaum ein Thema wird so emotional diskutiert wie Medikamente bei ADHS. Und wir verstehen das sehr gut. Zwischen „Das kommt auf keinen Fall in Frage!“ und „Sollen wir wirklich damit beginnen?“ liegt oft ein weiter, sehr persönlicher Weg. Ein Weg voller Gespräche, Beratungen, Zweifel, Sorgen, Recherchen – und ja, auch schlafloser Nächte.

Wichtig ist uns dabei ganz klar zu sagen: Diese Entscheidung muss jede Familie für sich treffen. Es gibt kein Richtig oder Falsch, das für alle gilt. Es hängt von der individuellen Situation ab, von den Erfahrungen, von der Gesundheit jeder Person, von der Belastung, vom Umfeld – und davon, wie gut oder eben nicht gut ein Medikament vertragen wird.

Ist es ein Aufgeben, wenn wir uns für Medikamente entscheidet? Machen wir es uns „zu leicht“? Oder ist es vielleicht genau das Gegenteil – nämlich das Eingeständnis, dass wir nicht alles alleine stemmen müssen und können?

Es gibt viele gute Gründe, die für Medikamente sprechen. Und genauso viele, die dagegen sprechen. Nebenwirkungen sind real. Nicht jedes Präparat passt zu jedem Menschen. Manche vertragen es gut, andere gar nicht. Es kann Appetitlosigkeit geben, Schlafprobleme, Stimmungsschwankungen und Rebound. Und manchmal passt einfach nichts – dann ist es auch gut, das zu wissen und zu akzeptieren.

Was uns aber sehr bewusst ist: Medikamente sind kein Wundermittel. Keine Zauberei. Keine Lösung für alles. Sie ersetzen keine liebevolle Begleitung, keine passenden Rahmenbedingungen, keine guten Gespräche, keine Therapie, kein Verständnis.

Aber sie können ein Tool sein.

Eine Möglichkeit, wenn die Umwelt nicht ausreichend angepasst werden kann. Wenn Schule, Alltag oder soziale Situationen so viel Energie ziehen, dass am Ende des Tages nichts mehr übrigbleibt. Wenn jedes unpassende Setting im Meltdown endet. Wenn Konzentrationsprobleme zur Dauerfrustration werden, weil Interesse die einzige Brücke zur Aufmerksamkeit ist – und alles andere sich anfühlt wie ein Beweis dafür, „dumm“ oder „unfähig“ zu sein.

Wie sollen wir etwas lernen, das uns nicht maximal interessiert, wenn das Gehirn permanent auf der Suche nach Reiz und Dopamin ist? Wie kann ich in stressigen Phasen stabil bleiben, wenn sowieso schon alles gleichzeitig kommt? Wie überstehen wir soziale Ereignisse, ohne danach völlig ausgebrannt zu sein?

Vielleicht – und das ist unsere vorsichtige Hoffnung – können Medikamente genau hier unterstützen. Nicht um Persönlichkeit zu verändern. Nicht um einen Menschen „ruhigzustellen“. Sondern um Zugang zu ermöglichen. Zugang zu Lernen. Zugang zu Selbstwirksamkeit. Zugang zu einem Alltag, der nicht permanent überfordert.

Für uns fühlt es sich nicht wie Aufgeben an. Eher wie: einen weiteren Gegenstand in unseren Hilfs-Rucksack packen. Neben Struktur, Verständnis, Humor, Therapie, klaren Grenzen, Pausen, Bewegung, Kreativität und ganz viel Herz. Medikamente als ein weiteres Werkzeug. Nicht mehr, nicht weniger.

Wir gehen diesen Weg mit Respekt. Mit Vorsicht. Mit einer leisen Hoffnung. Wir wünschen uns möglichst wenig Nebenwirkungen und möglichst viel Benefit. Und wir behalten uns vor, jederzeit neu zu entscheiden.

Vielleicht sind Medikamente am Ende genau das: kein Allheilmittel – aber ein Teil eines gut gefüllten Hilfs-Rucksacks. Und wenn sie helfen, mehr gute Tage als schlechte zu erleben, mehr Energie übrig zu haben für die schönen Dinge im Leben und immer wieder entschieden werden kann, braucht es heute Medis oder nicht – dann ist das kein Aufgeben. Dann ist es (Selbst-)Fürsorge. 

Leidet man an Neurodivergenz - oder leben wir einfach anders?

 

23.02.2024 Neulich bin ich über eine Überschrift gestolpert: „XY leidet an ADHS.“ Und ich blieb an genau diesem Wort hängen: leidet. Leide ich wirklich an ADHS? Leidet Muck an Autismus? Oder leben wir mit einer neurodivergenten Art zu denken, zu fühlen und wahrzunehmen – die manchmal anstrengend, oft intensiv und immer anders ist?

Natürlich kann ADHS behindern. Natürlich kann Autismus herausfordernd sein. Reizüberflutung ist kein Hobby. Exekutive Dysfunktion kein Zaubertrick. Es kann nervig sein, lästig, strenger als einem lieb ist. Es kann Kräfte kosten. Es kann bedeuten, dass Dinge mehr Planung brauchen, dass Übergänge schwerfallen, dass das Nervensystem schneller am Limit ist. Das alles ist real. Und das darf benannt werden.

Aber bedeutet das automatisch, dass ich leide? Und zwar die ganze Zeit?

„Leiden“ klingt nach Ausgeliefertsein. Nach einem dauerhaften Zustand von Mangel und Schmerz. Nach etwas, das einen komplett definiert. Neurodivergenz ist jedoch erst einmal eine andere Art der Informationsverarbeitung. Ein anderes Betriebssystem. Mit Eigenheiten, mit Stärken, mit Systemfehlern – und mit erstaunlichen Spezialfunktionen. Hyperfokus. Kreative Querverbindungen. Detailwahrnehmung. Intensität. Begeisterungsfähigkeit. Ehrlichkeit. Mustererkennung. Nicht gerade wenig für ein angeblich defektes System.

Was es allerdings braucht, ist Selbstkenntnis. Regulation. Strategien. Ein gutes Gespür für die eigenen Grenzen. Die Fähigkeit, für sich einzustehen. Zu sagen: Das ist mir zu viel. Das geht für mich anders besser. Ich brauche Pause. Ich brauche Struktur. Ich brauche Bewegung. Ich brauche Klarheit. Das ist Arbeit, ja. Es ist ein Prozess. Wir probieren aus, verwerfen, justieren nach. Wir füllt unseren Rucksack mit Tools: Timer, Routinen, Kopfhörer, klare Absprachen, Spezialinteressen als Energiequelle, Humor als Überlebensstrategie. Sehr viel Humor.

Doch je besser wir uns kennen, desto weniger fühlt es sich nach Leiden an – und desto mehr nach Gestalten. Nach einem bewussten Arrangieren mit den eigenen Bedingungen. Nach einem Leben, das nicht trotz, sondern mit der eigenen Neurodivergenz funktioniert. Vielleicht nicht immer reibungslos. Aber echt. Und stimmig.

Spannend ist dabei eine andere Frage: Würde dieses Sich-selbst-Kennen, dieses Grenzen-Wahren, dieses Regulation-ernst-Nehmen nicht eigentlich allen Menschen guttun? Ist es wirklich ein „Spezialthema“ von Menschen mit ADHS oder Autismus – oder vielmehr etwas, das wir als Gesellschaft generell zu wenig lernen? Wie viele neurotypische Menschen ignorieren ihre Bedürfnisse, überschreiten dauerhaft ihre Grenzen, funktionieren über ihre Kapazität hinaus und nennen das dann normal? Natürlich ist das besonders notwendig für neurodivergente Menschen, da die Umgebung nicht auf ihre Bedürfnisse angepasst ist. Aber in Wahrheit würde das allen Menschen gut tun: Selbstwahrnehmung. Selbstfürsorge. Selbstvertretung.

Oft entsteht das eigentliche Leiden nämlich nicht durch ADHS oder Autismus selbst, sondern durch fehlende Passung. Durch starre Systeme. Durch Reizüberflutung ohne Rückzugsmöglichkeiten. Durch Leistungsnormen, die nur eine Art zu funktionieren anerkennen. Wenn ein Pinguin ständig daran gemessen wird, wie gut er klettern kann, entsteht Frust. Nicht, weil er kaputt ist – sondern weil der Massstab nicht passt.

Und ja: Damit Alltag gut funktionieren kann, braucht es oft ganz konkrete Dinge – Rücksicht, Anpassungen, Verständnis, Pausen, Struktur. Vieles ist anstrengend, was für andere kaum Kraft kostet. Selbst schöne Anlässe können Energieräuber sein. Und Maskieren erst recht: ständig mitlaufen, überspielen, anpassen, aushalten. Maskieren ist auf Dauer oft eine Form von Leiden.

Die Welt ist nun einmal (noch) nicht neurodivergenzfreundlich eingestellt. Und je stärker oder ausgeprägter die eigene Beeinträchtigung ist – also je mehr sie daran hindert, am Leben vollumfänglich teilzunehmen –, desto schwieriger, manchmal sogar unmöglich, wird es, nicht darunter zu leiden. Auch für das Umfeld kann das sehr belastend sein. Wenn Unterstützung fehlt, geraten irgendwann alle an Grenzen.

Gerade deshalb ist es so wichtig, genau hinzuschauen: Was ist die Neurodivergenz selbst – und was ist das Leiden an fehlender Passung, fehlender Unterstützung, fehlender Entlastung? Diese Unterscheidung nimmt niemandem die Schwere. Aber sie schafft Klarheit. Und Klarheit ist oft der erste Schritt zu echter Verbesserung.

Ich glaube fest daran: Wenn Menschen – neurodivergent oder nicht – sich selbst besser kennen, ihre Grenzen achten, Regulation ernst nehmen und ihre Stärken gezielt einsetzen, dann ist ein gutes Leben möglich. Nicht immer leicht. Nicht immer gleich wie bei anderen. Aber möglich. Mit Unterstützung, mit passenden Rahmenbedingungen und mit mehr gegenseitiger Rücksicht sogar deutlich besser, als viele denken.

Wir leiden nicht automatisch an ADHS oder Autismus. Wir leben damit. Und oft ist das anstrengend(er). Manchmal chaotisch. Manchmal herausfordernd. Aber eben auch kreativ, tief, überraschend und reich.

 

Vielleicht sollten wir also vorsichtiger mit dem Wort „leiden“ umgehen. Manche Menschen leiden an fehlender Akzeptanz. An Überforderung. An mangelnder Unterstützung. Und manche leiden – je nach Ausprägung und Lebensumfeld – tatsächlich auch stark an den Folgen ihrer Neurodivergenz. Beides darf wahr sein. Aber niemand sollte auf sein Leiden reduziert werden. Denn Menschen sind mehr als ihre Schwierigkeiten und sie leiden nicht automatisch an ihrer Art zu sein. Und vielleicht ist genau das der entscheidende Unterschied.

Kleine Momente, grosser Wert

 

12.02.2026 In einem neurodivergenten Familienalltag läuft vieles anders – und vor allem: vieles intensiver. Wir brauchen oft viel Zeit, um Probleme zu lösen, Konflikte zu schlichten, den Alltag zu bewältigen und beim Regulieren zu unterstützen. Was von aussen manchmal „normal“ aussieht, kostet intern unglaublich viel Energie. 

Genau deshalb ist schöne gemeinsame Zeit für uns nicht einfach ein nettes Extra. Sie ist wertvoll. Sie ist verbindend. Und sie ist manchmal genau das, was uns als Familie trägt. Wenn der Tag voll ist mit Reizen, Missverständnissen, Organisation und emotionaler Begleitung, dann bleibt für Leichtigkeit oft wenig Raum. Umso kostbarer sind diese kleinen Inseln: ein ruhiger Moment, ein gemeinsames Spiel, ein echtes Gespräch. Nicht perfekt. Aber echt. Und genau deshalb so wichtig.

Mit Maus kann ich wunderbar in Beziehung gehen. Wir lösen Rätsel, puzzeln, basteln, schauen Bücher an, kuscheln, spielen – mal wild, mal ganz ruhig. Diese Zeit fühlt sich oft leicht an. Wir lachen, entdecken, erfinden. Manchmal reden wir viel, manchmal gar nicht. Aber wir sind verbunden. Und das zählt.

Bei Muck ist es anders. Wenn er bei einer Sache ist, dann ist er ganz bei dieser Sache. Seine Konzentration ist beeindruckend – und gleichzeitig macht genau das den direkten Austausch manchmal schwierig. Unser gemeinsamer Weg heisst im Moment: Lego.

Beim Bauen haben wir eine Aufteilung, die für uns richtig gut funktioniert: Ich suche die Teile, er baut. So entsteht nicht nur ein Modell – es entsteht Raum. Raum für Gespräche über wichtige und sehr wichtige Dinge. Raum für Gedanken, die sonst verborgen bleiben. Raum für Probleme, die plötzlich Worte bekommen. Und genau dort entwickeln wir gemeinsam Strategien und Lösungen. Nicht am „grossen runden Tisch“, sondern zwischen Steinen, Bauanleitungen und kleinen Handgriffen.

Nicht jede Quality Time muss produktiv sein. Manchmal sitzen wir einfach nebeneinander und arbeiten am Gleichen – ruhig, im Einklang, ohne grossen Austausch. Auch das ist Verbindung. Auch das ist Beziehung. Auch das ist kostbar.

 

Neurodivergenz bringt viele Herausforderungen mit sich – und sie zeigt uns auch, wie bedeutsam echte gemeinsame Zeit ist. Nicht die Menge macht den Unterschied, sondern die Qualität: ein Moment, der passt. Ein Zugang, der funktioniert. Ein Miteinander, das trägt. Quality Time mit jedem einzelnen Kind ist für uns kein „nice to have“. Sie ist ein Schatz.

Buchtipp: Alle? Nicht alle! von Kathrin Schärer

 

06.02.2026 Ja, ich gebe es zu: Bücher sind für mich das, was für andere Frauen Taschen oder Schuhe sind – nur dass sie im Regal statt im Schrank landen, wobei bei mir inzwischen auch das Regal leise ächzt. Zum Glück habe ich einen wunderbaren Mann, der mir kein Maximalbudget für Bücher auferlegt hat und genau deshalb durfte neulich bei einem Stadtbummel mit einer Freundin in St. Gallen wieder ein kleiner Bücherschatz mit nach Hause. Wir sind in einem inklusiven Laden gelandet, in dem es unter anderem ganz viele tolle Bücher gab, haben dort mindestens eine Stunde gestöbert, geblättert und uns eingelesen – und entsprechend gross war mein Einkauf. Aus diesem Stapel möchte ich euch heute ein ganz besonderes Buch vorstellen, das mir sehr am Herzen liegt: „Alle? Nicht alle!“ von Kathrin Schärer. Unsere Maus ist jetzt vier und ich habe lange nach einem Buch gesucht, mit dem ich ihr kindgerecht erklären kann, was Autismus und ADHS eigentlich sind, wie sich das anfühlen kann und warum wir manchmal bei Muck anders reagieren als bei ihr – beziehungsweise warum Muck manchmal anders reagiert als andere Kinder. Genau hier trifft dieses Buch für mich den richtigen Ton: liebevoll, alltagsnah und ohne Schubladendenken oder Bewertung. Es zeigt auf eine wunderschöne Weise, dass es Dinge gibt, die zwar irgendwie alle machen müssen, die sich aber bei jedem Menschen ganz unterschiedlich zeigen – beim Warten, beim Stillsitzen, beim Kuscheln oder beim Bedürfnis, lieber allein zu sein. Auch Zähneputzen müssen alle, aber Zahnpasta mögen eben nicht alle gleich und Interessen haben wir ebenfalls alle, nur sind sie oft ganz verschieden oder besonders intensiv. Für mich ist das eine wunderbare Einladung, mit Kindern über Neurodivergenz zu sprechen, ohne schwer oder kompliziert zu werden: Was fällt dir leicht, was fällt mir leicht, wo brauchst du Unterstützung und wie können wir einander besser verstehen? Genau dafür ist dieses Buch ein echter Türöffner. Und deshalb ist es von mir eine absolute Empfehlung für alle Familien, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede nicht bewerten, sondern verstehen möchten.

Anders sein - und darüber sprechen

 

04.02.2026 Heute war es endlich so weit: Muck hielt – mit Unterstützung seiner Autismusbegleiterin – einen ganz besonderen Vortrag vor seiner Klasse. Thema: „Anders sein“. Und ja, dafür braucht man Mut. Ganz viel Mut.

Zum Einstieg gab es das Bilderbuch von der kleinen Motte, in dem das Thema Masking wunderbar aufgegriffen wird. Eine Motte, die versucht, jemand anderes zu sein – und irgendwann merkt, dass sie genau richtig ist, so wie sie ist. Ein schöner Auftakt für ein wichtiges Thema.

Muck erzählte offen, dass er Autismus hat. Gemeinsam wurde erklärt, was Autismus eigentlich ist – und vor allem, was es bedeutet, autistisch zu sein. Kein trockener Vortrag, sondern lebendig, ehrlich und kindgerecht.

Anschliessend ging es ganz konkret um Muck:

Welche Dinge ihm im Schulalltag schwerfallen. Was ihm hilft. Und wie kleine Unterstützungen Grosses bewirken können.

Die Klasse durfte Fragen stellen – und das wurde genutzt. Einige Kinder erzählten sogar von Verwandten oder Bekannten, die ebenfalls Autismus haben. Plötzlich war klar: Muck ist nicht allein. Neurodivergenz ist kein exotisches Einzelphänomen – sie ist Teil unserer bunten Welt.

Zum Abschluss kam ein starkes Zitat aus dem Film „Die Wochenendrebellen“: „Ich habe euch viel von mir erzählt. Wer das gegen mich verwendet, ist ein A…“ Klar, direkt – und irgendwie perfekt.

Nach dem Vortrag war Muck ziemlich erledigt. So richtig. Aber gleichzeitig auch unglaublich stolz. Und wir ehrlich gesagt auch.

 

Wir hoffen, dass diese Offenheit ein weiterer wichtiger Schritt für eine gelingende Schullaufbahn ist – und für mehr Verständnis, Empathie und Miteinander sorgt. Denn anders sein ist nichts, was man erklären müsste. Aber manchmal hilft es trotzdem, darüber zu sprechen.

Ein Loblied auf Gewichtsdecken und Gewichtstiere

(Oder: Wenn das Nervensystem endlich tief durchatmet)

 

22.01.2026 Manchmal ist einfach alles viel oder sogar zu viel. Zu viele Gedanken. Zu viele Reize. Zu viele To-dos. Der Kopf rattert, der Körper ist angespannt – und selbst im Bett will die ersehnte Ruhe einfach nicht eintreten. Genau in solchen Momenten sind bei uns neue, ziemlich schwere Helfer eingezogen: Gewichtsdecken und Gewichtstiere.

Sie liegen auf dem Sofa, im Bett, also ganz selbstverständlich mitten im Alltag. Still, schwer und erstaunlich wirksam. Sobald sich diese gleichmässige Schwere auf den Körper legt, passiert etwas, das sich kaum erzwingen lässt. Der Atem wird tiefer und ruhiger. Der Kiefer, der oft stundenlang unbemerkt festhält, darf loslassen. Anspannung wird plötzlich spürbar – und kann dann langsam gehen. Ein warmes, wohliges Gefühl breitet sich aus, während es im Kopf ein wenig leiser wird. Sicherheit. Geborgenheit. Das Gefühl, gehalten zu sein, ohne etwas leisten zu müssen.

Für viele neurodivergente Menschen ist die Körperwahrnehmung entweder sehr intensiv oder kaum greifbar. Gewichtsdecken wirken hier wie ein Anker. Durch den gleichmässigen Druck auf Muskeln und Gelenke bekommt das Nervensystem klare Rückmeldung: Hier bist du. Dein Körper hat Grenzen. Du bist sicher. Diese sogenannte Tiefendruckstimulation spricht direkt den parasympathischen Teil des Nervensystems an – den Teil, der für Ruhe, Regulation und Erholung zuständig ist. Während Stresshormone herunterfahren dürfen, werden Botenstoffe gefördert, die beruhigen und stabilisieren. Ganz ohne Worte, To-do-Listen oder „Reiss dich zusammen“.

Gerade bei ADHS, Autismus, Hochsensibilität oder anderen Formen von Neurodivergenz kann diese Art von Reiz nicht nur beruhigend, sondern regelrecht ordnend wirken. Wo vorher innere Unruhe, Gedankensprünge oder ein diffuses Unwohlsein waren, entsteht Struktur. Nicht im Kopf, sondern im Körper. Und der Körper ist oft der schnellere Weg.

Gewichtstiere bringen dabei noch eine zusätzliche Ebene mit. Sie sind kleiner, flexibler, niedlicher – und überraschend effektiv. Auf dem Schoss, dem Bauch oder den Schultern liegend schenken sie genau dort Druck, wo er gebraucht wird. Und ja, ein schwerer Axolotl oder ein gewichtiger Triceratops darf auch einfach Trost spenden.

Wichtig ist, dass das Gewicht als angenehm empfunden wird. Es soll Halt geben, nicht einengen. Jeder Körper reagiert anders, und genau das darf respektiert werden. Was hilft, ist richtig.

 

Gewichtsdecken und Gewichtstiere sind keine Wundermittel. Aber sie können ein Begleiter sein. Sie verlangen nichts, bewerten nicht und bleiben einfach da. In einer Welt, die neurodivergente Menschen oft zur Anpassung zwingt, sind sie eine leise Einladung: Du darfst runterfahren. Du darfst dich spüren. Du darfst loslassen. Manchmal braucht es dafür keine Strategie oder grosse Worte. Manchmal braucht es einfach ein bisschen Gewicht.

 

(Quelle Foto: breaseworld.com)

Wenn plötzlich Pokémon bei uns einziehen

 

14.01.2026 Ganz ehrlich: Ich hätte nie gedacht, dass Pokémon einmal Teil unseres Alltags werden würde. Und schon gar nicht, dass ich mich freiwillig – und schon fast begeistert…naja übertreiben wir mal nicht – damit auseinandersetzen würde. Aber manchmal kommen solche Dinge völlig unerwartet.

Alles begann mit einem Starterset vom Götti im Adventskalender. Was danach kam, war viel mehr als nur ein neues Spiel. Die Karten wurden gelesen, verglichen, sortiert, gezählt und immer wieder erklärt. Mit Begeisterung, Ausdauer und einer Intensität, die man nicht bremsen möchte – und auch nicht sollte. ;-)

Ganz nebenbei passiert so viel. Lesen und Rechnen ganz ohne Druck, einfach weil es Sinn macht. Weil es interessiert. Weil es Freude bringt. Die klaren Regeln, der Karten geben Struktur, das Spiel selbst wirkt regulierend. Das gemeinsame Tun verbindet und schenkt Energie – statt sie zu rauben.

Besonders wertvoll ist, was Pokémon für Muck innerlich bewirkt. Hier darf er zeigen, was er kann. Hier ist er der Experte. Er erklärt, ordnet, vergleicht, merkt sich Details, erkennt Zusammenhänge. Sein Selbstwert wächst – nicht, weil jemand ihn lobt, sondern weil er sich selbst kompetent erlebt. Und ja: Er traut sich dieses Spiel zu spielen, auch wenn nicht alle Pokémon süss oder herzig sind. Das ist nicht selbstverständlich.

Seit Kurzem haben die Pokémon noch eine weitere, fast magische Funktion übernommen: Sie helfen bei der Regulation. Wenn der Start in den Tag schwierig ist, wenn die Angst überhandnimmt oder die innere Anspannung hoch ist, genügt oft ein Gespräch über Pokémon oder das ruhige Sortieren der Karten. Die Gedanken wandern zu den Pokémon (klar, strukturiert, immer dasselbe - Sicherheit), das Nervensystem darf folgen. Die Aufregung sinkt. Die Morgenroutine wird ruhiger – und der Übergang in die Schule spürbar leichter.

Und ja: Ich hätte nie gedacht, dass ich mich einmal über Pokémon freuen oder dass ich mich so intensiv damit beschäftigen würde. Aber das Leuchten in Mucks Augen, dieses Strahlen, wenn er in seinem Element ist, dieses sichtbare Auffüllen seines Energietanks – das ist unbezahlbar.

Jetzt bleibt nur noch eine offene Frage: Welches ist eigentlich mein Lieblingspokémon? Da bin ich ehrlichgesagt noch etwas überfordert … aber ich arbeite dran. ;-)

Teil 2: Und was bleibt dann noch für zu Hause?

 

08.01.2026 Die Zeit nach der Schule gehört bei uns dem Auftanken. Oder besser gesagt: dem Versuch dazu. Denn wie gut das gelingt, hängt davon ab, wie leer Mucks Akku aus der Schule zurückkommt. Hier ein paar Gedanken dazu aus meiner Sicht:

 

Und was bleibt dann noch für zu Hause übrig? Unsere Hoffnung ist klein und gleichzeitig riesig:

 

Bitte ein Mittagessen, das er mag.
Bitte kein weiterer Termin.
Bitte einfach Energie tanken. 

Am Nachmittag hat er keine Schule. Zum Glück.


Und dann steht sie da: Pizza. Ein kleiner, grosser Sieg des Alltags. Zwischen zwei Bissen erzählt er uns noch etwas, fast nebenbei. In der Pause habe ihn ein Kind gefragt, wie alt er sei. Er habe zurückgefragt, warum er das wissen wolle. „Er wollte es seinem Freund erzählen.“ Muck habe nichts gesagt und sei weggegangen. „Das geht niemanden etwas an.“, sagt er. Und dann diese Frage, die hängen bleibt: Warum hat er mich das gefragt, Mama? Und ich kann ihm diese Frage nicht beantworten. Ich war nicht dabei. Er weiss nicht, was der Junge von ihm wollte, ob er ihm freundlich gesinnt war oder etwas im Schilde führte.

Jetzt Mittagspause. Ausruhen. Fischertechnik oder Lego. Endlich nichts, was „sollte“. Bis ich einen dieser Sätze sagen, die im Alltag harmlos wirken – und doch zu viel sind: „Bitte räume noch kurz dein Geschirr in die Spülmaschine.“

NEIN!

Kein normales Nein. Ein Nein aus Überforderung. Ein Nein, das sagt: Es geht nicht mehr. Er zieht sich zurück. Weint. Schreit. Alles ist zu viel. Der ganze Tag bricht auf einmal heraus. Ich gehen mit ihm ins Zimmer. Bleiben. Nicht diskutieren. Nicht erklären. Es ist manchmal schwierig auszuhalten. Einfach da sein, bis sich das Nervensystem langsam wieder findet.

Dann schafft er es in die Mittagspause zu starten.
Und ein langes Wieso? Weshalb? Warum?-Hörbuch hilft. Diese bekannten Stimmen helfen, Ordnung ins Chaos zu bringen. Am Nachmittag gibt es Zvieri. Etwas Gutes. Sogar ein bisschen Schokolade. Ein weiteres kleines Auftanken. 

Später spielt er mit der Maus. Es macht ihm Spass – bis ein Nein kommt. Ein falscher Moment. Eine falsche Grenze. Die Wut schiesst hoch. Er rennt in sein Zimmer. Nicht aus Trotz. Sondern aus Selbstschutz. „Sonst müsste ich ihr weh tun“, sagt er später.

Schaukeln. Atmen. Regulieren. Ich komme dazu. Er darf baden. Das warme Wasser wirkt wie ein Reset.

Dann kommt Papa nach Hause. Das Abendessen steht auf dem Tisch. Muck sieht nichts, was ihn anspricht. Wieder Wut. Papa nimmt ihn in den Arm. Sie raufen.  Körperkontakt. Druck. Nähe. Das hilft. Er isst später – nach den anderen – doch noch etwas.

Abend. Bettzeit.
Heute bringt Papa ihn ins Bett.

Beten.
Lesen.

Licht aus.
Singen.

Papa bleibt liegen. Muck erzählt noch von seinem Tag. Und sagt leise, was wir schon spüren: „Ich mag morgen nicht in die Schule.“ Papa tröstet. Geht den nächsten Tag Schritt für Schritt durch. Ängste werden noch besprochen und Lösungen werden gesucht. Nur ein halber Tag. Überschaubar. Machbar. Die Gewichtsdecke kommt dazu. Trici wird fest umarmt. Der Atem wird ruhiger. Papa bleibt, bis der Schlaf kommt.

 

Was von aussen nach „Nachmittag zu Hause“ aussieht, ist in Wahrheit Erholung nach einem Kraftakt.

Unser Sohn ist nicht schwierig. Nicht verwöhnt. Nicht zu empfindlich. Er ist erschöpft. Und wir lernen jeden Tag neu, dass Begleiten manchmal heisst: Tempo rausnehmen, Erwartungen loslassen, sich abwechseln und doch ganz viel bleiben, bis wieder genug Ruhe da ist, um einzuschlafen – und am nächsten Morgen neu zu starten.

 

Teil 1: Wenn der Akku morgens schon fast leer ist

 

08.01.2026 Wenn der Akku morgens schon nahe Null und der Gedanke an den Schultag so überwältigend ist, dass er sich am liebsten im Bett verkriechen möchte, dann ist das kein Ausnahmezustand. Das ist leider gerade unser Alltag.

Warum das so ist? Wir wissen es nicht sicher. Aber wir spüren es. Jeden einzelnen Tag. So ein Schulalltag fordert viel. Sehr viel.

Wir waren nicht dabei, wir stecken nicht in seinem Kopf – aber aus vielen kleinen Beobachtungen und Mucks eigenen Worten haben wir versucht, nachzuzeichnen, wie sich Schule für ihn vermutlich anfühlt.

 

Morgens aus dem Haus gehen. Auf den Bus warten. Nicht wissen, wer da ist. Wer der Busfahrer ist. Wie die anderen Kinder drauf sind. Ist es laut? Wuselig?

Dann bei der Schule aussteigen und vor dem Schulhaus warten, bis die Türen sich öffnen. Eine ruhige Ecke suchen, in der es nicht zu stark wuselt. Es ist kalt. Sehr kalt! Dann klingelt es.

Alle strömen gleichzeitig ins Schulgebäude. Es wird laut, eng, hektisch. Geschafft.

Bei der Garderobe angekommen. Und auch da: laut, hektisch. Aber es geht. Konzentrieren. Ausziehen, freundlich sein, nicht zu laut sein, Schultasche nicht vergessen, Finken anziehen. Geschafft.

Im Klassenzimmer die Trinkflasche auffüllen, oh da kommen drei andere zum Waschbecken, es wird mir zu eng, die Schultasche unter die Fensterbank stellen, Hausaufgaben abgeben, einchecken und sagen, wie es mir heute Morgen geht. Ja… wie geht es mir eigentlich? Müde.

Dann etwas Ruhiges am Platz machen. Im Spielzimmer ist sowieso immer viel zu viel Trubel.
Vielleicht ein Buch lesen oder im Denkheft arbeiten. Schon klingelt es wieder. Der Schultag startet. Und immer noch: müde.

Zuhören. Arbeiten. Andere husten, niesen. Dann in den Kreis. Zuhören, warten, nicht zappeln. Vielleicht ein Fidget Toy nehmen. Das hilft ein bisschen. Das, was gesagt wird, ist bereits bekannt. Nicht so spannend. Nicht zappeln. Vielleicht mit den Händen einen Raketenstart nachspielen. Oh nein – nicht zappeln. Zuhören.

Zurück an den Platz. Lesen. Das geht gut. Das mag ich. Es ist ein Was ist Was Buch. Andere nicht zu lange beobachten – das mögen sie nicht. Weiterlesen. Nicht zappeln.

Dann aufhören. Oh… ich bin noch nicht fertig mit der Seite. Ich müsste doch noch weiterlesen. Nein, jetzt kommt ein anderes Fach.

Achtung eine Erklärung kommt, also gut zuhören. Das habe ich schon verstanden. Nochmals eine Wiederholung… ja… das kann ich schon. Trotzdem das Blatt ausfüllen.

Also weiterarbeiten. Das Profiheft liegt daneben. Da sind coole Aufgaben drin. Wann darf ich darin arbeiten?

Oh, R. hat eine Frage. Ah ja, das könnte ich erklären.

Oh – der hat einen neuen Bleistift. Der glitzert.
Die Uhr tickt. Tick, tack, tick, tack.
Ich bin so müde.

Weiter rechnen.
Die Aufräummusik kommt. Oh, die ist schön. Die hilft. Also alles aufräumen.

Pause.

Pause? Alle gehen schnell raus. Mein Freund ist auch schon weg. Heute regnet es. Dann kann ich nicht in die Pausenhalle – dort ist es viel zu laut. Die anderen Unterstände sind auch schon besetzt. Ich muss sitzen. Ich kann den Znüni nur im Sitzen essen. Wo hat es noch Platz?

Es wuselt. Ah – unter dem Karussell. Da komme ich noch darunter.

Hoffentlich verpasse ich die Pausenglocke nicht. Wie spät ist es? Ich muss mich beeilen. Es regnet.

Ein Apfelschnitz.
Eine getrocknete Mango.
Die Cracker mag er nicht.
Nochmals einen Apfel.

Oh – die anderen Kinder sind alle in der Pausenhalle. Bald klingelt es. Alles einräumen. Oh nein. Der Apfelschnitz ist auf den Boden gefallen. Den kann ich nicht mehr essen. Liegen lassen? Nein, zurück in die Znünibox.

Ich habe noch Hunger. Durst habe ich auch. Die Flasche steht in der Klasse. Wann habe ich eigentlich Zeit zum Trinken? Gleich nach der Pause? Ich darf aber nicht auf der Flasche herumbeissen. Das hilft mir aber um mich zu beruhigen. Nein, das darf ich nicht mehr machen.

Es klingelt. Es wuselt. Es wird laut. Ich muss ins Schulgebäude.

Schnell ausziehen, alles aufräumen. Dann in die Beruhigungsecke. Oder doch etwas Lesen. Nein heute in die Beruhigungsecke. Es wuselt etwas weniger. Es ist etwas ruhiger. Die Schneekugeln sind schön. Die Sanduhren auch.

Die Lehrerin ist da. Weiter geht’s…

…und dann klingelt es wieder. Mittagessen.

Ich bin müde. So richtig müde. Akku: blinkt rot.

Jetzt die grosse Frage: Nach Hause laufen oder im Gewusel warten, bis der Bus kommt?

Bus heisst: warten, ungewiss, laut, Gerüche, Stimmen, Nähe.
Laufen heisst: Bewegung, frische Luft, Kälte – aber auch Kraft, die eigentlich nicht mehr da ist.

Ist mein Freund schon gegangen? Ah – nein. Er ist noch da. Gut. Mit ihm kann ich gehen. Das hilft. Sehr sogar. Schnell noch den Notfallriegel auspacken. Essen im Gehen. Nicht, weil er besonders fein ist – sondern weil er nötig ist.

Ein paar Bissen Energie. Das muss reichen. Dann los. Schritt für Schritt. Der Kopf ist voll. Der Körper schwer. Mit meinem Freund reden hilft. Es macht sogar Spass.

Und jeder Meter bringt mich näher nach Hause. In die Ruhe. In das Nicht-mehr-funktionieren-müssen.

 

Was von aussen nach einem ganz normalen Schulalltag aussieht, ist innen ein Marathon. Ohne echte Pausen. Ohne sicheren Rückzugsort. Mit unzähligen unausgesprochenen Regeln, Reizen und Erwartungen.

Unser Sohn ist nicht schulunwillig. Er ist nicht zu sensibel. Er ist nicht dramatisch. Er ist erschöpft.

Wir versuchen hinzuschauen.
Zwischen den Klingeln.
Zwischen den Pausen.
Zwischen Apfelschnitzen auf dem Boden und Schneekugeln in der Beruhigungsecke.

Und wir lernen, dass es manchmal das Mutigste ist, nicht noch mehr durchzuhalten, sondern ehrlich zu sagen:

Der Akku ist leer. Und das ist real.

 

Wir hoffen, dass eines Tages nicht mehr so viel Energie dafür nötig sein wird, einfach nur durch den Tag zu kommen.

Paarzeit - selten, kostbar und unglaublich wohltuend

 

06.01.2026 Paarzeit ist bei uns etwas sehr Wertvolles – und eher selten. Sie passiert nicht „einfach so“, sondern braucht Planung, Organisation und gute Gesundheit von allen.

Wenn sie dann da ist, fühlt es sich an wie Durchatmen.

Zeit miteinander – ohne regulieren, ohne Kontrollblicke, ohne gespitzte Ohren, die ständig im Alarmmodus sind. Einfach nebeneinander liegen, ein gutes Buch auf den Knien oder ein Hörbuch im Ohr. Kein Druck, kein Programm – nur Ruhe, Nähe und zwei Menschen, die sich wieder bewusst begegnen.

Gemeinsam essen, in aller Ruhe. Mit Gesprächen, die auch mal länger als drei Sätze dauern dürfen. Ganz ohne Zwischenrufe, Verhandlungsgespräche oder Diskussionen über Ketchup-Mengen. 

Autofahren – ohne Kinderlieder-Dauerschleife. Dafür mit guten Gesprächen, Gedanken, Plänen… und manchmal auch einfach angenehmem Schweigen. 

Schwimmen – ruhig, gleichmässig, hin und her. Ohne Schwimmflügel, ohne Arschbomben am Beckenrand. Nur Wasser, Bewegung und das Gefühl, wieder bei sich anzukommen.

In diesen Momenten passiert etwas Wichtiges: Der Energietank füllt sich. Der Akku lädt sich auf. Der Kopf wird leiser.

Wir schmieden Pläne, träumen ein bisschen, lachen – und merken, wie gut es tut, einfach wieder Paar zu sein. Nicht nur Eltern. Nicht nur Organisatoren, Krisenmanager oder Logistik-Team.

Zeit zu zweit ist so wertvoll. Unsichtbar im Aussen – aber spürbar im Innen. Und das Schönste daran: Zu Hause hatten wir danach wieder mehr Nerven, neue Ideen, mehr Gelassenheit. Alle waren ein kleines bisschen zufriedener. Und ja – wir wurden auch vermisst. Was sich irgendwie gut anfühlt.

Denn Paarzeit gibt nicht nur uns Kraft. Sie tut der ganzen Familie gut!

Jahresrückblick - ein Jahr voller Fragen, Sand und schöner Momente

 

31.12.2025 Zum Jahresende wurden bei uns ein paar Tränen vergossen. Was bringt das neue Jahr? Warum ist das alte schon vorbei?

Das alte Jahr hatte es wirklich in sich – einige Tiefen, viele Höhen und zwischendurch jede Menge „Wir atmen jetzt erst mal tief durch“-Momente.

Unser absolutes Highlight? Ganz klar: die Ferien an der Ostsee!

Viel Sand zum (Ein-)Buddeln, Velo fahren im Meereswind und ganz viel Zeit mit Nane. Sonne im Gesicht, Sand in den Schuhen – und gefühlt der halbe Strand in unserer Ferienwohnung. Aber es hat sich mehr als gelohnt. 

Und auch sonst war ordentlich was los: Ski fahren, Osternester suchen, Zirkus- und Theaterbesuche mit Maus, Pool im Garten, Technorama erkunden mit Muck, Mauszeiten, Muckzeiten… und bestimmt noch zig Dinge, die uns immer wieder mal ein Lächeln ins Gesicht zauberten.

Natürlich gab es auch die andere Seite. Momente mit intensiven Gesprächen, vielen Tränen, lautem Gebrüll, kreisenden Gedanken, Zweifeln und grossen Fragezeichen. Tage, die Kraft gekostet haben – und an denen wir uns ein verloren gefühlt haben.

Aber das Wichtigste bleibt: Wir haben alles gemeinsam geschafft. Wir haben uns Halt gegeben, uns gegenseitig Verständnis geschenkt, Probleme gemeinsam gelöst, miteinander gerungen, entschieden, getragen – und die schönen Augenblicke umso bewusster genossen.

Wir sind vielleicht nicht immer laut fröhlich durch dieses Jahr getanzt, aber wir sind gemeinsam hindurchgegangen. Schritt für Schritt. Mit Liebe, Humor – und manchmal mit Keksen.

Jetzt schauen wir nach vorne. Wir sind gespannt, was 2026 für uns bereithält – und freuen uns auf Auszeiten, neue Erinnerungen, den Kindergarteneinstieg von Maus, Ausflüge, ruhige Momente und auf gemeinsame Familienzeit. 

Wir wünschen euch von Herzen allen ein gutes neues Jahr!

Weihnachten in kleinen Schritten - Erfahrungen zwischen Planung, Anspannung und wunderschönen Momenten

 

29.12.2025 Für die Feiertage hatten wir in diesem Jahr einen klaren Plan: grosse Familienfeiern möglichst vermeiden und stattdessen mehrere kleinere Treffen auf verschiedene Tage verteilen. Struktur statt Dauertrubel — und vieles davon hat wirklich funktioniert.

Die Bescherung am Morgen war ein besonderer Moment. Ruhig, voller Vorfreude, ohne Hektik. So, wie wir uns gemeinsame Zeit wünschen. Dieser Start in den Tag fühlte sich wertvoll an – vielleicht gerade deshalb, weil der Akku zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich leer war.

Der letzte Schultag hatte enorm viel Energie gekostet. Die Grundspannung war hoch, bevor die Feiertage überhaupt begonnen hatten. Kurz darauf kamen noch Kopfschmerzen dazu – und wir reduzierten unser Programm weiter. Manches mussten wir streichen, manches anpassen. Beim Abendessen wollte Muck natürlich trotzdem dabei sein – verständlich. Und naja sagen wir es so: Es war machbar, aber definitiv nicht der weihnachtlichste Moment des Tages.

Auch an den folgenden Tagen war die Anspannung spürbar. Gleichzeitig gab es eine wichtige Erkenntnis:

  • Treffen vor dem Abend liefen meist ruhig, machbar und oft richtig gut.
  • Alles danach wurde merklich herausfordernder – für alle Beteiligten.

Sehr positiv war ausserdem: Treffen bei uns zu Hause waren deutlich entspannter. Der vertraute Ort gibt Sicherheit – und ein Rückzug ist jederzeit möglich. Allein zu wissen, dass diese Option besteht, verändert schon viel.

Wir haben in diesen Tagen vieles ausprobiert. Einige Anpassungen haben sich als hilfreich erwiesen und werden bleiben. Andere werden wir noch weiter verfeinern.

Sicher ist: Wir gehen unseren Weg Schritt für Schritt. Wir achten auf Energie, Tempo und Grenzen. Und wir suchen Lösungen, mit denen wir die Weihnachtstage nicht nur bewältigen, sondern auch bewusst erleben und sogar etwas geniessen können.

 

Vielleicht sieht unser Weihnachten anders aus als das, was viele erwarten. Aber es ist ehrlich, stimmig und orientiert sich daran, was uns wirklich guttut — und genau das macht es für uns richtig.

Der letzte Schultag - weihnachtlich, bunt und ganz schön intensiv

 

23.12.2025 Der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien war wunderbar weihnachtlich vorbereitet. Gemeinsames Singen auf dem Dorfplatz, vertraute Lieder in kalter Winterluft – ein schöner, fast feierlicher Start in den Tag. In der Schule wartete dann ein Überraschungsfrühstück: frische Brötchen mit Honig, Konfitüre und Nutella, dazu kalte Schokomilch. Ein liebevoll organisierter Znüni von der Schule rundete den Vormittag ab.

Es gab Wichtelgeschenke, die mit grossen Augen ausgepackt wurden. Danach hiess es: alles einpacken. Weihnachtsgeschenke nach Hause tragen, alle Bastelarbeiten sorgfältig verstauen, nichts vergessen. Als letztes einen lauten Ruf um die Ferien willkommen zu heissen. Die Vorfreude auf Weihnachten war überall spürbar – greifbar, ansteckend, wuselig und laut.

Und doch ist die Zeit vor Weihnachten bei uns eine ganz andere.

Gut gemeinte Überraschungen im Schulalltag bringen viel Freude, aber sie nehmen auch Sicherheit und Vorhersagbarkeit. Die gewohnte Struktur fällt auseinander, es wuselt überall, alle sind etwas nervös – freudig nervös. Und sehr laut. Manchmal zu laut. Die Anspannung steigt stetig, der Schlaf wird weniger erholsam und Situationen, die Angst machen, nehmen zu. Was für viele aufregend ist, kostet in unserer Familie enorm viel Energie - zu viel Energie. Am Mittag gab es dann Tränen, die in einem Meltdown endeten. 

 

Nun  sind zum Glück die Ferien da - Weihnachten ist da.

Eine Zeit, in der wir bewusst versuchen, uns zu erholen. Alles möglichst gut strukturiert, wenige Überraschungen, dafür viel Raum zum Energietanken. Familienfeste finden in kleinen Einheiten statt, mit genügend Pausen dazwischen. Zeit zum Ankommen, Zeit zum Durchatmen.

Genug Zeit, um neue Spielsachen auszuprobieren.
Genug Zeit, um den eigenen Gedanken nachzuhängen.
Genug Zeit, um draussen zu sein.
Genug Zeit, um sich zu regulieren.

 

So jedenfalls in der Theorie.

 

Und in der Praxis? Wir geben unser Bestes – mit viel Verständnis, Geduld und dem Wissen, dass auch leise, langsamere Weihnachten wunderschön sein können.

 

In diesem Sinne wünschen wir euch allen schöne und erholsame Weihnachten!

Wenn der Weihnachtstrubel draussen bleibt - und wir in den Wald gehen

 

22.12.2025 Überall ist Weihnachten.
Weihnachtsmärkte, Eisbahnen, Bastelstände, Kekse-backen-hier-und-noch-mehr-Kekse-backen-dort. Dazu Weihnachtskonzerte, Weihnachtstheater und natürlich Musik. Viel Musik. Es blinkt, es glitzert, es dudelt – manchmal alles gleichzeitig.

Und wir? Wir lassen das ganz bewusst an uns vorbeiziehen.

Nicht, weil wir Weihnachten nicht mögen. Sondern weil zu viel Weihnachten auf einmal ganz schön anstrengend sein kann. Vor allem für neurodivergente Menschen. Menschenmengen, Gedränge, Geräusche, Lichter – das ist schnell mehr Reiz als Freude.

Also haben wir uns am Sonntag für eine andere Variante entschieden:
Wald statt Weihnachtsmarkt.

Ein Spaziergang im Wald. Leise. Ruhig. Ohne Gedränge.
Dafür mit Wortspielen, Pferdespielen (mit viel Fantasie und hohen Sprüngen 😉), Kekse und ganz besonders: versteckten Wichteltüren. Man weiss ja nie, wer im Wald alles wohnt.

Der Wald war still. Unser Lachen dafür umso lauter.

Keine Menschenmenge, kein Anstehen, kein „Vorsicht, heiss!“. Nur wir, viel Bewegung, viel Fantasie und sehr viel Spass. Weihnachten ohne Blinken, aber mit echtem Glitzern in den Augen.

Ein weihnachtlicher Spaziergang ganz ohne Programm, dafür mit Leichtigkeit, Verbindung und genau dem Mass an Reizen, das uns guttut.

 

Manchmal ist weniger Weihnachten eben mehr Weihnachten. 

Ein Abend voller Aha-Momente, Lacher – und ganz viel Herz

 

10.11.2025 Gestern Abend war bei uns für einmal ein volles Haus. Familie, Gotta und Götti von Muck versammelten sich um unsere Tische und als Referentin des Abends mit dabei war unsere Autismus-Begleiterin Andrea Kohler-Schenk. Mit einem Mix aus Fachwissen, Humor und einer guten Portion Verständnis hat sie uns alle auf eine Reise in die Welt des Autismus mitgenommen - ohne Reiseführer, aber mit vielen "Aha!" Momenten.

Warum reagiert eine Person mit ASS manchmal so... anders? Und warum klappt etwas auswärts und zu Hause gibt es einen Meltdown und es funktioniert gar nichts mehr? Wieso sind manche Dinge an einem Tag völlig okay und am nächsten einfach "nope"? Und was hat es mit diesem Energiehaushalt auf sich - und warum fühlt sich das für Menschen im Autismus-Spektrum oft an wie ein Handy-Akku, der permanent bei 5% herumdümpelt? Soll man nun alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen? Nein, natürlich nicht! Es ist wichtig, zu einem guten Zeitpunkt (also wenn das Energieniveau gut gefüllt ist und das Erregungsniveau im grünen-gelben Bereich) Muck so viele Strategien und Erklärungen mit auf den Weg zu geben, dass er in unserer Gesellschaft gut leben kann.

Es durfte gefragt werden, was immer auf der Seele brannte. Und es war so schön zu sehen: gefragt wurde! Von neugierig bis liebevoll besorgt war alles dabei. Und das Schönste? Ein echter Austausch fand statt. Keine vorwurfsvolle Stirnfalte, keine Tabus - nur Offenheit, Verständnis und viele kleine Erkenntnisse, die uns das Zusammenleben (und manchmal auch das Zusammen-Leben-lassen) leichter machen.

Für uns war dieser Abend einfach nur toll. Wertvoll. Unterstützend. Ein kleines Geschenk verpackt in warmen Worten, echtem Interesse und einer grossartigen Prise Humor. Wir sind so dankbar für all die Menschen um uns herum - die, die wissen wollen, wie es Muck wirklich geht; die, die verstehen möchten, statt zu urteilen; die, die lernen wollen, statt zu belehren; und die, die sich Zeit nehmen, Mühe geben und uns mit ihrer Nähe tragen.

Wir haben ein tolles Netzwerk aus Fachpersonen und Herzensmenschen. Und manchmal wird einem erst an solchen Abenden bewusst, wie gross dieses Geschenk wirklich ist.

Arztbesuche mit neurodivergenten Kindern - wenn die Echse plötzlich das Kommando übernimmt 

 

08.12.2025 Arztuntersuchungen gehören ja grundsätzlich nicht zu den Momenten, auf die man sich wochenlang freut. Aber mit neurodivergenten Kindern bekommen sie noch ihren ganz eigenen… sagen wir: Überraschungsfaktor. Besonders bei Fachärzten (bei denen man nicht ständig ein und ausgeht...zum Glück!) wie Augenarzt, Neurologe, Dermatologe, HNO oder Zahnarzt verwandelt sich so ein Termin schnell in eine Mischung aus Abenteuerfilm, Geduldsprobe und Improvisationstheater.

Das Schwierigste? Man weiss vorher nie so ganz genau, was eigentlich passieren wird. Braucht es noch einen Abstrich? Muss doch nochmal gemessen, geschaut oder getropft werden? Und dann diese Wartezeiten! Da ist nichts mit entspannt Zeitschriften durchblättern oder Bücher lesen, bei uns laufen in diesen Momenten im Hintergrund die Hochleistungs-Prozessoren heiss. Denn Wartezeit bedeutet: Zeit für Sorgen und Ängste und sie werden immer grösser. Besonders spektakulär: Augentropfen, die 30 Minuten einwirken müssen. Dreissig. Minuten. In Kinderzeit ist das ungefähr so lang wie ein halbes Leben.

Und dann gibt es ja die berühmte „Echse“. So wird die Amygdala im Kinderbuch Lili, Ben und Omid von Marianne Herzog und Jenny Hartmann Wittke genannt – und die lässt sich bei Arztterminen nicht zweimal bitten. Sobald die Anspannung steigt, übernimmt sie gerne spontan die Führung. Das bedeutet dann oft: Kampf-, Flucht-, Erstarrmodus oder ein Gemisch wie „Ich verstecke mich hinter Mama, unter dem Stuhl oder in eine Ecke, in der ich gerade noch hineinpasse und schlage um mich, sobald mir jemand zu nahe kommt“.

In diesen Momenten werden freundliche Praxismitarbeitende und verständnisvolle Ärztinnen und Ärzte zu echten Superhelden. Ein wissender Blick für die Eltern, ein warmes Lächeln, ein ruhiger Ton – und die Situation entspannt sich ein kleines Stück. Noch besser, wenn dem Kind erlaubt wird, sich ein wenig zurückzuziehen, sich zu sammeln oder kurz in einer Ecke zu regulieren, bevor es weitergeht. Diese kleinen und doch so wahnsinnig grossen Gesten sind Gold wert. Wir Eltern können kurz durchatmen, da sie wissen, dass da jemand ist, der den Druck nicht noch erhöht.

Wir haben in den letzten Jahren einige solcher Episoden erlebt. Manche waren laut, manche chaotisch, manche eher… sportlich. Aber beinahe immer trafen wir auf Menschen, die uns ruhig und wertschätzend begleitet haben – trotz Fluchtgedanken, Kletterversuchen, Tränen oder lautstarkem Protest. Was für ein grosses Glück, solchen Fachpersonen zu begegnen, die nicht nur medizinisch kompetent sind, sondern auch menschlich ein gutes Herz haben. Und das ist bei weitem nicht selbstverständlich!

Ja, solche Arztbesuche sind für alle Beteiligten kräftezehrend. Doch wenn Verständnis, Humor und Offenheit im Raum sind, wird aus einer schwierigen Situation zumindest eine bewältigbare. Das Wissen, dass weder unser Kind noch wir als Eltern verurteilt werden, sondern dass die Situation so angenommen wird, wie sie ist, trägt enorm. Gemeinsam mit Menschen, die echtes Verständnis für unsere Situation haben, lassen sich selbst grosse Hürden überwinden – und genau dieses Gefühl ist unglaublich kostbar!

   

Langeweile aushalten bei Neurodivergenz - leichter gesagt als getan

 

07.12.2025 Langeweile gilt ja als etwas Wunderbares. Ein Moment zum Durchatmen, Sortieren, Runterfahren, Kreativwerden. Theoretisch. Praktisch sieht das bei neurodivergenten Kindern (und ehrlich gesagt auch bei manchen Erwachsenen) oft anders aus. Statt Ruhe und Kreativität, entstehen innere Gewitterwolken, Gefühle wachsen plötzlich ins Gigantische und die Spannung im Körper wirkt, als wäre sie unmöglich auch nur eine Sekunde länger auszuhalten. Genau dann ist nichts mit kreativem Einfallen oder entspanntem Losspielen – da übernehmen Leere, Unruhe, Angst oder Wut das Kommando, ganz ohne Vorwarnung.

Also stehen wir im Alltag immer wieder vor der Frage: Was braucht es, damit Langeweile nicht zur emotionalen Lawine wird? Unsere Erfahrungen – frei nach dem Motto „Probieren geht über Studieren“ – sind bunt gemischt.
Gemeinsam zu überlegen, was man tun könnte, klappt manchmal wunderbar und fühlt sich an wie ein kleiner Sieg. Und manchmal ist es, als würde man eine Seifenblase festhalten wollen: nette Idee, praktisch schwierig. Wenn wir beim Einstieg helfen und uns dann langsam zurückziehen, funktioniert das an guten Tagen grossartig…naja, für eine längere oder eben kürzere Zeit. An anderen Tagen merkt das Kind unsere Rückzugsbewegung jedoch sofort – und hängt an uns wie ein Magnet. Liebevoll, aber sehr bestimmt.

Gemeinsam eine Aktivität durchzuführen, ist fast immer erfolgreich, allerdings lässt sich unser Alltag leider nicht komplett in ein persönliches 24-Stunden-Betreuungsprogramm verwandeln. Eine häufig gute Lösung ist, das Kind beim eigenen Tun mithelfen zu lassen oder ihm eine parallele Beschäftigung anzubieten. Besonders spannend wird es, wenn bei uns das Geschwisterkind in der Nähe ist: Dann möchte man doch lieber nicht der Mama bzw. dem Papa helfen sondern es entstehen manchmal kleine Alltagswunder – plötzliches laaaaaanges Spielen, gemeinsames Lachen, eigene Ideen…und man muss nur noch schauen, dass wir den Ausstieg gemeinsam finden, bevor es kippt. Alles natürlich immer abhängig von der Grundstimmung.

Und einfach aushalten lassen? Nein. Wirklich nein. Das endet bei uns selten entspannt. Meist braucht es irgendeine Form von Anker: einen Impuls, eine Begleitung, ein gemeinsames Starten. Etwas, das den Übergang erleichtert und die innere Wucht abfedert.

Am Ende bleibt es ein Prozess aus Ausprobieren, Beobachten, Verwerfen und Neuversuchen. Manchmal herausfordernd, manchmal herzerwärmend, meistens irgendwo dazwischen. Wir wachsen gemeinsam – an den Kindern, an den Situationen, an den kleinen Erfolgen und den wilden Momenten. Vielleicht ist das die eigentliche Kunst: nicht die Langeweile auszuhalten, sondern gemeinsam Wege zu finden, die uns durch diese Momente tragen.

 

Langeweile auszuhalten ist eine Kunst. Und bei Neurodivergenz ist es manchmal eher eine Teamleistung. Aber genau darin liegt auch etwas Schönes (vor allem, wenn man den kritischen Punkt überwunden hat): Wir entdecken gemeinsam neue Wege, lernen uns gegenseitig noch besser kennen und merken, dass es möglich ist, oft mit etwas mehr Anleitung, mit etwas mehr Nähe und manchmal einfach (ähm also, einfach ist es eigentlich nicht) mit einen humorvollen Blick darauf, dass wir alle unser Bestes geben – und jeden Tag ein Stück dazulernen.

Visionen für neurodivergente Schüler/innen - und für eine Gesellschaft, die gemeinsam wächst

 

05.12.2025Stellen wir uns einmal vor, wie es wäre, wenn neurodivergente Menschen – Kinder wie Erwachsene – nicht ständig maskieren oder erklären müssten, warum sie gerade eine Pause brauchen, warum sie Kopfhörer tragen oder weshalb sie Dinge anders angehen. Eine Welt, in der all das einfach normal ist. Alltag. Selbstverständlich. Klingt traumhaft? Ja. Erreichbar? Auch ja. Schritt für Schritt – und mit einer ordentlichen Portion Humor und Beharrlichkeit, zwei Qualitäten, die Eltern neurodivergenter Kinder oft automatisch im Multipack geliefert bekommen.

In unserer Vision schaut niemand mehr irritiert, wenn ein Kind in der Schule eine ruhige Ecke aufsucht. Niemand denkt, es würde sich vor der nächsten Prüfung drücken. Stattdessen begegnen wir solchen Momenten mit einem freundlichen Nicken und echtem Verständnis. Neurodivergente Menschen müssen nicht erst beweisen, dass sie Unterstützung brauchen – sie bekommen sie, weil klar ist, dass nicht alle Gehirne gleich ticken. Und das ist völlig in Ordnung.

Stellen wir uns Schulen vor, die nicht nur Wände und Tische haben, sondern Herz und Hirn. Ruhezonen, die nicht an Abstellkammern erinnern, sondern an kleine Oasen, in denen man kurz durchatmen kann. Regulationsmöglichkeiten, die nicht als Extrawunsch gelten, sondern selbstverständlich dazugehören. Reizreduktion, von der am Ende sowieso alle profitieren – denn wer hat nicht schon einmal in einem überfüllten Klassenzimmer den Wunsch nach einem stillen Ort verspürt? Dazu kommen flexible Strukturen, die als Stärke statt als Ausnahme gelten und Pädagogen, die verstehen, dass ein Kind nicht „schwierig“ ist, sondern einfach mit einem anderen inneren Kompass arbeitet. Lehrmittel sind so verschieden wie die Kinder selbst: klar strukturiert für die einen, kreativ offen für die anderen – und für alle verbunden mit dem Gefühl: „Ich darf hier sein, wie ich bin.“

In einer wirklich inklusiven Zukunft fragen wir nicht länger: „Wie passen wir das Kind an die Welt an?“ Sondern: „Wie gestalten wir die Welt so, dass alle Platz haben?“ Neurodivergente Menschen sollen nicht ständig zwischen Überforderung und Maskierung balancieren müssen. Wir wünschen uns eine Gesellschaft, in der jeder Mensch sich selbst gut spüren darf, seine Grenzen kennt, rechtzeitig Pausen einlegen kann, Strategien hat, um sich zu regulieren – und vor allem: glücklich sein kann, ohne sich zu verbiegen.

Damit das möglich wird, braucht es nicht nur Schulen mit Ruhezonen, sondern ein Umfeld, das offen ist, neugierig bleibt und bereit ist, gemeinsam zu lernen. Die Zukunft gehört jenen, die sagen: „Erklär’s mir – ich will verstehen, wie ich dich unterstützen kann.“ Und plötzlich sind wir nicht mehr Einzelkämpfer, sondern Teil eines Netzwerks, das trägt: Eltern, Fachpersonen, Lehrkräfte, Freunde – alle ziehen am selben Strang und merken, dass Zusammenleben viel leichter wird, wenn jeder Mensch mitgedacht wird.

Natürlich klingt das alles wunderschön, vielleicht ein wenig zu weiss auch nicht genau was. Aber Visionen dürfen gross sein. Wir müssen nicht klein träumen, nur weil der Alltag manchmal laut, hektisch oder überwältigend wirkt. Die Wahrheit ist: Viele dieser Visionen entstehen bereits. Langsam. Schrittweise. In Klassenzimmern, Familien, Gemeinden und Köpfen. Und wir alle dürfen – nein, wir sollen – daran mitbauen.

 

Am Ende bleibt: Hoffnung mit Humor. Visionen brauchen Zeit, Geduld und durchaus auch eine Menge Energie. Aber sie sind möglich. Und sie beginnen mit der Haltung: „Du bist richtig, wie du bist. Lass uns die Welt so gestalten, dass du darin aufblühen kannst.“ Wenn wir gemeinsam an dieser Zukunft bauen, wird sie Stück für Stück Realität – für neurodivergente Schülerinnen und Schüler, für Erwachsene und für eine Gesellschaft, in der Vielfalt nicht als Problem gesehen wird, sondern als Bereicherung.

Von Höhenflügen und Tiefschlägen - das Leben mit neurodivergenten Kindern

 

04.12.2025 Mit neurodivergenten Kindern wird es nie langweilig. Wirklich nie. Und mit dem dazugehörigen Umfeld schon gar nicht. Wir Eltern jonglieren gleichzeitig die Rollen von Vermittler, Aufklärer, Regulierer, Erklärbär, Beobachter, Emotionsmanager, Energiereserve – und manchmal auch menschlicher Airbag.

Es gibt sie, diese herrlichen Phasen, in denen wir denken:

„So, jetzt läuft’s! Wir haben es geschafft!“ Unsere Kinder strahlen, gehen gerne in die Schule, freuen sich über dies und das, das Leben fühlt sich … nun ja … entspanntER an (wir wollen ja realistisch bleiben).

Und dann – ganz plötzlich – dreht der Wind. Es hagelt negative Rückmeldungen, unsere Kinder gehen auf dem Zahnfleisch, weinen, schreien, schlagen, brüllen, fallen gefühlt auseinander und wir gleich mit. Und dann kommen die Zweifel wie ungebetene Gäste zur Tür herein:

  • Was haben wir falsch gemacht? Sind wir Schuld?
  • Hätten wir irgendwas besser vorbereiten müssen? Oder lieber weniger Infos?
  • Haben wir die Ängste geschürt?
  • Warum gibt es in der Erziehung keine Notrufnummer?

Wir stehen da, sind müde, ausgelaugt und fragen uns, wie wir das alles überhaupt aushalten sollen. Und wie wir es schaffen können, dass das Umfeld unsere Bedürfnisse und die unserer Kinder sieht und versteht – und nicht nur die „herausfordernden Momente“ mit Strafen sanktioniert (was wir ja bekanntlich wissen, dass das nichts bringt oder sogar kontraproduktiv ist).

Und dann sitzen wir da, atmen durch (tief, sehr tief) und sagen uns:

 

Es kommt alles gut.

Wir schaffen das.

 

Unsere Kinder verarbeiten anders – und wir wissen das. Und wenn wir das wissen, können wir Strategien entwickeln, mit denen unser Kind in dieser manchmal viel zu lauten, viel zu schnellen, viel zu widersprüchlichen Welt bestehen kann. Unser Kind darf lernen, sich selbst zu spüren, seine Grenzen wahrzunehmen und rechtzeitig Pausen zu machen. Es darf lernen, für sich einzustehen – nicht trotz seiner Neurodivergenz, sondern mit ihr. 

Und unsere Aufgabe? Wir sind die Werkzeugmacher. Die Wegbegleiter. Die Architekten von Sicherheit und Verständnis. Wir geben unserem Kind das mit, was es braucht – und leisten gleichzeitig Aufklärungsarbeit. Denn: Wissen führt zu Verständnis. Verständnis führt zu hilfreichem Handeln. 

Wenn wir uns anpassen und unser Kind Strategien lernt, dann können wir gut miteinander leben. Ja – das Ganze ist kräftezehrend, manchmal zum Haare raufen, manchmal zum Heulen, manchmal zum Lachen (man kann ja schliesslich nicht immer nur heulen). Der Weg ist steinig, voller Schlaglöcher, Umwege und Baustellen (die natürlich alle gleichzeitig auftreten). 

Aber zu Hause, bei uns, sind unsere Kinder sicher. Sie müssen sich nicht verstecken, nicht maskieren, nicht perfekt sein (und wir als Eltern auch nicht). Sie wissen: Wir lieben sie. Egal, wie laut oder leise der Tag ist. Egal, wie voll oder leer ihr Akku. (Und das bekommen wir mit voller Wucht zu spüren!) 

Ich glaube fest daran, dass ein gutes Miteinander gelingen kann. Und deswegen:

 

Bitte gebt nicht auf.

Bleibt dran.

Klärt auf.

Es lohnt sich - für unsere Kinder, für uns Eltern und für die Welt, die ein bisschen mehr Verständnis dringend gebrauchen kann.

Und wenn es mal wieder drunter und drüber geht: 

 

Atmet.

Trinkt einen Schluck Kaffee oder Tee.

Und erinnert euch:

 

Ihr seid nicht allein. Viele von uns gehen diesen Weg - mit Höhenflügen, Tiefschlägen und allem dazwischen. Und gemeinsam können wir so viel erreichen.

Baut euch ein gutes Netzwerk auf, tauscht euch aus, holt euch Unterstützung, wo immer sie euch wirklich weiterbringt. Niemand muss diese Reise alleine gehen – und niemand sollte es. Gemeinsam tragen wir uns durch die schweren Tage und geniessen die guten umso mehr.

Und das ist am Ende das, was zählt.

Dezember - der Monat, in dem alles gleichzeitig glänzt und knistert 

 

27.11.2025 Er rückt näher, der Dezember. Ein Monat, auf den wir uns freuen – und der uns gleichzeitig ein wenig überfordert. Überall Lichter, Adventskalender, Geschenkideen, Termine… und mittendrin unsere Familie, die versucht, all ihre unterschiedlichen Bedürfnisse unter einen (Weihnachts-)Hut zu bringen. Mal sitzen alle am Tisch, mal jemand darunter, mal hüpft jemand daneben herum, weil das eben gerade so (noch) funktioniert. Wenn Neurodivergenz dabei ist, wird der Dezember eben nicht nur glitzernd, sondern auch herausfordernd.

Dieses Jahr starten wir einen Versuch. Kein grosses Umkrempeln, nur ein bisschen „Weihnachten à la Wir“. Weihnachten ein kleines bisschen neu denken. Ein Familienritual erfinden, das zu uns passt.

Wer sagt eigentlich, dass die Bescherung erst abends stattfinden muss? Wir möchten testen, was passiert, wenn wir morgens feiern – entspannt, ohne übermüdete und überreizte Kinder (und Erwachsene....so jedenfalls in unserer Vorstellung). Danach spielen, Pause machen, Geschenke ausprobieren oder einfach unter einer Decke verschwinden, wenn die Aufregung schon reicht. Wartezeiten? Kürzer. Abläufe? Klarer. Der „Wir-besuchen-heute-alle“-Weihnachtsmarathon? Dieses Jahr bleibt das Ganze eher im Slow-Modus. Wenn es Besuche gibt, dann lieber bei uns (wenn es möglich ist) – mit genug Rückzugsmöglichkeiten für alle. Und falls wir selbst irgendwo hingehen, dann nur ein Termin pro Tag statt drei hintereinander. Klingt doch deutlich entspannter, oder?

Auch beim Essen möchten wir den Druck rausnehmen. Es muss kein perfektes Festmahl sein. Ein Gericht, das alle mögen, schön angerichtet, mit ein bisschen Deko – festlich darf auch leicht sein. Und wenn am Tisch niemand überfordert ist, wäre das vermutlich das schönste Geschenk. Vielleicht wird danach gesungen (schief ist auch ok), vielleicht auch getanzt, Kerzen werden am Baum angezündet, darunter gespielt – und das alles im Pyjama...nichts Grosses. Einfach Familie sein.

 

Wir probieren es einfach aus. Weniger „So war es immer“, mehr „Vielleicht tut uns das gut.“ Weihnachten darf ruhig sein, liebevoll unperfekt, gemütlich chaotisch und freundlich zu allen Nerven. Am Ende zählt nur eines: Zeit miteinander – auf eine Art, die zu uns passen könnte. Vielleicht klappts. Vielleicht wirds anders. Aber hey, wenn der Overload ausbleibt und jemand glücklich unter einer Decke liegt, sind wir schon mitten im Weihnachtswunder.

Wenn der Tag ein "Katastrophentag" ist - und wir trotzdem nicht aufgeben

23.11.2025 Es gibt gute Tage. Es gibt sehr gute Tage - und dann gibt es diese anderen Tage, die wir liebevoll (oder auch völlig erschöpft) Katastrophentage nennen.
Das sind die Tage, an denen unserem Muck einfach alles zu viel ist: zu laut, zu schnell, zu anders, zu unvorhersehbar, zu voll, zu leer, zu irgendwas. Jede Kleinigkeit kann ein Erdbeben auslösen: ein falsch geschnittenes Brot, eine Socke mit störender Naht, ein Missverständnis, eine plötzliche Veränderung oder etwas Neues, das heute ansteht. Und zack - da ist er: Der Sturm...mit Schreien, Türenknallen, Dinge-kurzzeitig-zu-Flugobjekten-werden-lassen oder verbale Gewitterwolken, die im Nachhinein gar nicht so gemeint waren.
Was wir dann tun? Atmen. Versuchen ruhig zu bleiben. Unsere eigenen Kräfte suchen (manchmal mit der Lupe). Situationen wechseln, Bewegung ermöglichen, Reize runterfahren - und natürlich alles überhaupt nicht persönlich nehmen. Klingt logisch und einfach, oder?
In Wirklichkeit saugen uns solche Tage aber aus wie ein übermotivierter Staubsauger auf Höchstleistung. Plötzlich stehen wir da wie zerzauste, etwas verwunderte, aber immer noch tapfere Elternwesen und denken: Welches heimliche Eltern-Training wir für dieses Level nur verpasst haben.
Der Grund für diese Stürme? Den gibt es immer, doch er tarnt sich hervorragend. Oft sind es Sorgen, Ängste, nicht ausgesprochene Missverständnisse, Veränderungen oder Erlebnisse, die noch nachhallen. Manchmal aber auch einfach nur ein Nervensystem-Fass, das gerade überläuft und erst geleert werden muss.
Also sammeln wir uns, kratzen unsere letzten Energiereserven zusammen, lösen uns ab wenn es nicht mehr geht, und geben uns Halt - manchmal wörtlich in einer Umarmung. Danach versuchen wir gut zu uns selbst zu sein, denn nur so können wir unseren Kindern vorleben, wie man mit Sorgen und Ängsten umgeht uns sich selbst reguliert. Genau das müssen sie lernen dürfen. In kleinen Schritten, an guten Tagen - und ganz besonders an den Katastrophentagen.
Denn Neurodivergenz bedeutet nicht einfach "schwierig" - es bedeutet vor allem "anders verdrahtet". Und an manchen Tagen knistern die Kabel ganz schön laut. Aber gemeinsam schaffen wir es immer wieder Halt zu finden - ach wenn der Boden deswegen zwischendurch ganz schön wackelt.

Wenn "Nicht-wollen" eigentlich "Nicht-können" ist

20.11.2025 Manchmal wirkt es von aussen so, als würde unser Kind etwas einfach nicht wollen: nicht aufstehen, nicht mitmachen, nicht reagieren, nicht zuhören. Doch wer ein neurodivergentes Kind begleitet, weiss, wie oft hinter diesem vermeintlichen „Nicht-wollen“ eigentlich ein ganz leises, aber deutliches „Ich-kann-grad-nicht“ steckt. Dieser Unterschied ist riesig – und er verändert alles. Denn unser Kind entscheidet sich nicht bewusst dagegen, sondern stösst an eine Grenze, die für ihn genauso real ist wie eine Wand.
Und gleichzeitig - das gehört genauso zur Wahrheit - ist das für uns als Eltern bzw. Bezugspersonen anstrengend. So sehr wir unser Kind verstehen wollen, so sehr wir wissen, dass es nicht absichtlich handelt, gibt es diese Momente, in denen wir uns einfach wünschend, dass es einmal leicht geht. Einmal ohne Diskussionen, ohne Kraftakt, ohne Tränen. Manchmal fehlt uns selbst die Energie, die Geduld oder die innere Ruhe und wir merken, wie sehr wir selbst am Limit sind. Dieses Gefühl bedeutet nicht, dass wir unser Kind weniger lieben - es zeigt nur, dass auch wir Grenzen haben und dessen Begleitung Kraft kostet.
Wir haben gelernt, dass Verständnis nicht erst bei den Strategien anfängt, sondern bei unserer Haltung. Wenn wir davon ausgehen, dass ein Kind „absichtlich“ nicht mitmacht, rutschen wir schnell in Druck, Ermahnungen oder Erklärungen, die das Kind gar nicht aufnahmefähig verarbeiten kann. Wenn wir hingegen annehmen, dass das Verhalten ein Ausdruck von Überforderung ist – also ein „nicht können“ –, dann öffnet sich sofort ein anderer Weg: ein Weg voller Neugier, Mitgefühl und gemeinsamer Suche nach Lösungen.
Diese Haltung ist für unser Kind entscheidend. Denn sie bedeutet: „Du bist okay. Du bist nicht schwierig. Du kämpfst grade.“ Und genau dieses Gefühl, verstanden zu werden, ist die Basis für jede gute Beziehung. Erst wenn ein Kind sich sicher genug fühlt, darf es ehrlich zeigen, wie es ihm geht. Und erst dann können wir ihm helfen, eigene, gesunde Strategien zu entwickeln, um in einer Welt zurechtzukommen, die selten für neurodivergente Menschen gebaut ist.
Wir merken immer wieder, wie viel leichter es für unser Kind wird, wenn wir das Verhalten nicht als Provokation, sondern als Kommunikation sehen. Er zeigt uns damit, was gerade zu viel ist: zu laut, zu schnell, zu unklar, zu unvorhersehbar, zu sozial, zu lange, zu energieraubend. Anstatt also Druck weiterzugeben, den er sowieso schon spürt, können wir entlasten – mit Struktur, Pausen, klaren Abläufen, Verständnis, Humor oder manchmal einfach einem Moment Nähe (und das braucht so viel Kraft von uns!).
Was dann passiert, ist fast immer das Gleiche: Sobald er spürt, dass niemand gegen ihn arbeitet, sondern mit ihm, findet er wieder Kraft und Raum, Neues auszuprobieren. So entsteht Schritt für Schritt das, was langfristig wirklich zählt: tragbare Bewältigungsstrategien, soziale Selbstsicherheit und ein stabiles Vertrauen in sich selbst und die Menschen um ihn herum.
„Nicht wollen“ ist ein Vorwurf. „Nicht können“ ist eine Einladung zum gemeinsamen Hinschauen. Und wenn wir diese Einladung annehmen, ermöglichen wir neurodivergenten Kindern genau das, was sie wirklich brauchen: verstanden zu werden, angenommen zu sein und ihren Weg in dieser Welt auf eine Weise zu finden, die ihnen nicht die Energie raubt, sondern sie stärkt.

Warum Pausen kein Aufgeben sind...

 

20.11.2025 Bei uns zuhause spielt Energie eine zentrale Rolle. Andere Familien überlegen, ob ihr Kind noch ein Instrument lernen sollte oder endlich im Sportverein anfangen muss. Wir überlegen, ob heute überhaupt genug Kraft für den Unterricht, Sozialkontakte und den Bus in die Schule vorhanden ist. Denn für ein neurodivergentes Kind ist Energie nicht nur „wie viel man heute schafft“, sondern die Grundlage dafür, überhaupt handlungsfähig zu sein.
Deshalb richten wir unseren Alltag nicht nach dem Motto „Hauptsache durchhalten“ aus, sondern nach „Erst Energie, dann Entwicklung“. Wir achten darauf, wann die Kraft schwindet, wir passen die Umgebung an, bevor sie überwältigt, wir vermitteln Strategien gemeinsam statt sie zu verlangen wie Hausaufgaben (so jedenfalls unser Vorsatz...leider ist das allerdings nicht immer möglich). Wir sind für unser Kind ein sicherer Ort, an dem es sein darf, ohne sich verstellen zu müssen. Wir suchen Lösungen nicht gegen, sondern mit ihm. Und wir erlauben Pausen – nicht, damit er sich davor drückt, sondern damit er überhaupt weitermachen kann.
Das bedeutet nicht, dass wir unser Kind verhätscheln oder ihm alles durchgehen lassen, wie es uns manchmal zu verstehen gegeben wird. Wir sind auch keine Helikoptereltern. Wir sind Eltern mit wachem Blick: Wir greifen ein, bevor es kippt, wir schaffen Bedingungen, in denen unser Kind lernen kann, statt zu überfordern, und wir lassen Pausen zu, bevor die Überlastung zu stark wird. Wir setzen unser Kind nicht Situationen aus, die es noch nicht bewältigen kann, nur weil manche glauben, es müsse sich „eben mal durchbeissen“. Druck ist bei diesem Thema nicht produktiv – er beschleunigt keine Entwicklung, sondern blockiert sie. Und ja, wir trauen unserem Kind etwas zu, aber wir trauen ihm Dinge zu, die zu seinem Energiehaushalt passen, nicht zu den Erwartungen der Umgebung.
Trotz unserer Bemühungen kommen wir als Familie immer wieder an Grenzen. Hilfreich sind für uns daher diejenigen Personen in unserem Umfeld, die mit Verständnis, Offenheit und Rücksicht reagieren. Von aussen wirkt unser Alltag vielleicht ungewöhnlich: Wir priorisieren Regulation statt Anpassung, Pausen statt Druck, Energie statt Leistung. Das entspricht nicht dem gängigen Bild, in dem Eltern dafür zuständig sind, „Härte zu trainieren“ oder „Konsequenz durchzusetzen“. Wir hören manchmal, wir seien zu nachgiebig, zu vorsichtig, zu verwöhnend. Doch das, was manche für übertrieben halten, ist in Wahrheit vorausschauende Gesundheitsprävention.
Unsere Gesellschaft ist auf Leistung, Tempo und Flexibilität ausgerichtet. Doch genau dieses System lässt autistische Menschen schnell ausbrennen, wenn wir nicht bewusst gegensteuern. Zuhause achten wir nicht darauf, wie „normal“ unser Kind wirkt, sondern darauf, wie es sich regulieren, lernen und wachsen kann, ohne sich selbst zu verlieren. Wir schützen nicht vor Schwierigkeiten – wir gestalten Möglichkeiten, sie zu bewältigen.
Denn Entwicklung braucht Kraft. Und Kraft entsteht nicht unter Druck, sondern durch Sicherheit, Pausen, Beziehung und ein Umfeld, das zuerst versteht, bevor es fordert. Unser Ziel ist nicht, dass unser Kind einfach funktioniert. Unser Ziel ist, dass es leben und aufblühen kann. Und dafür braucht es weniger Anpassungsdruck und mehr Rücksicht auf die Ressourcen, die wirklich zählen.

 

Für uns ist das ein Weg, den wir gemeinsam gehen – nicht perfekt, nicht linear und manchmal holprig. Wir wissen, was unserem Kind guttut, und doch fallen wir immer wieder in alte Muster zurück, besonders dann, wenn unser eigenes Energielevel im Keller ist oder wir an unsere Grenzen stossen. Auch wir sind nicht immer gelassen, vorausschauend oder sensibel genug. Wir lernen, wechseln ab, versuchen es von vorne, manchmal mit Humor, manchmal völlig erschöpft. Und genau wie unser Kind sind wir froh um Pausen, Verständnis und ein Umfeld, das mit uns denkt statt über uns urteilt. Wir wachsen gemeinsam – mit Blick auf die Ressourcen, die uns tragen.

Masking

 

14.11.2025 Bei uns zu Hause sieht der Alltag oft ganz anders aus als das, was man von aussen vielleicht mitbekommt. In der Schule läuft vieles freundlich, angepasst und eher „unauffällig“. Die Rückmeldungen klingen eher nach: „Alles ok, macht gut mit.“ Und dann, sobald wir zu Hause sind, bricht manchmal eine ganz andere Seite hervor. Tränen, Wut, Überforderung, Rückzug, völlige Erschöpfung oder einfach nur ein „Ich kann nicht mehr“. Lange haben wir uns gefragt, warum das so ist – und ob wir etwas falsch machen. Heute wissen wir: Das tun wir nicht.

Unsere Kinder geben in der Schule unglaublich viel Energie aus, um dort zurechtzukommen. Sie beobachten, wie man „richtig“ ist. Sie versuchen, die Regeln einzuhalten, Erwartungen zu erfüllen, Reize auszuhalten. Das nennt man Masking. Für sie fühlt es sich an, als hätten sie den ganzen Tag ein Kostüm an, um „dazu“ zu passen. Und dieses Kostüm ist schwer. Es kostet Kraft, richtig viel Kraft.

Wenn wir dann nach Hause kommen, fällt dieses Kostüm ab. Hier muss niemand perfekt sein. Hier dürfen Gefühle raus. Und genau das passiert. Das ist manchmal laut, manchmal chaotisch, manchmal leise und erschöpft. Aber es ist ehrlich. Und es bedeutet vor allem eines: Unsere Kinder fühlen sich bei uns sicher.

Wir haben gelernt, den Akku mitzudenken. Schule, Gruppen, neue Situationen, viele Menschen, plötzliche Veränderungen – all das kann Energie bei ihnen aufsaugen, schneller als bei anderen. Deshalb lassen wir nach der Schule bewusst Zeit. Keine Hast, keine Termine, keine Fragen wie: „Wie war’s?“ Sondern erstmal ankommen. Spielen, wälzen, lesen, rennen, nichts tun, Nähe oder Ruhe – je nachdem, was gerade gut tut.

Wir loben heute nicht nur, was gelingt, sondern auch, wie viel Kraft dahinter steckt. Wir versuchen, Gefühle zu begleiten, statt sie zu stoppen. Und wir lernen immer wieder neu, wie unterschiedlich Wege sein dürfen.

Wenn es zu Hause anders ist als in der Schule, bedeutet das nicht, dass Zuhause etwas nicht stimmt. Es bedeutet, dass unser Zuhause ein Ort ist, an dem unsere Kinder atmen dürfen. Loslassen dürfen. Sich zeigen dürfen.

 

Und genau das ist ein grosses Geschenk – und sehr anstrengend.

Unsere Maus-Zeit

 

10.11.2025 Im Alltag mit Neurodivergenz gibt es viele Momente, in denen alles gut organisiert sein muss – und manchmal auch Momente, in denen einfach alles etwas chaotisch ist. Zwischen Terminen, Struktur und Ruhepausen versuchen wir, allen gerecht zu werden. Und mittendrin sind unsere beiden Kinder Muck und Maus.

Muck mit seiner lebendigen Art und seinen vielen Interessen aber auch mit seinen grossen Problemen steht oft im Mittelpunkt. Da kommt schon mal der Gedanke und was ist mit Maus?

Deshalb planen wir bewusst Maus-Zeit ein. Manchmal ist es ein Buch am Abend, das wir nur zu zweit lesen. Oder ein Besuch im Pferdestall, wenn Muck in der Schule ist oder am Wochenende. Oder ein Spaziergang, bei dem Maus den Weg bestimmen darf. Das gemeinsame „Rösslistall spielen“ oder etwas basteln mit viel Glitzer und pink. Gemeinsames Rätseln am Küchentisch, lange Kuscheleinheiten, das bewusste Nachfragen nach ihrer Meinung beim Mittagessen – lauter kleine Momente, in denen sie einfach sie selbst sein darf und gesehen wird.

Und es gibt Tage (wir versuchen sie in den Ferien einzuplanen), an denen Maus nur mit Mama und Papa Zeit verbringt, während Muck eine schöne Grosselternzeit geniesst. Denn auch Geschwisterkinder brauchen Raum, gesehen zu werden – nicht nur als „die, die so gut mitmachen und helfen“, sondern als eigene Persönlichkeit mit Wünschen, Meinungen und Lieblingsmomenten.

Wir haben oft ein schlechtes Gewissen, weil wir unsere Maus-Zeit nicht so oft einplanen können, wie wir gerne möchten. Umso wertvoller sind diese kleinen Inseln für uns alle.

Da Maus manchmal Dinge übernimmt, die sie eigentlich nicht müsste, vermitteln wir ihr immer wieder…ja, du kannst das machen und du darfst es auch. Wenn du magst und wenn du die Kraft dazu hast. Aber ganz wichtig, du musst es nicht. Es ist nicht deine Aufgabe, Verantwortung zu tragen die bei uns Erwachsenen liegt. Diesen Tipp habe ich von einer lieben Freundin erhalten.

 

Wir versuchen, dass unsere Kinder Kind sein dürfen. Sie sollen lachen, sich zurückziehen, Zeit mit uns nur für sich haben – egal ob neurodivergent oder nicht. 

"Muss das sein?" - verabschiedet euch von Selbstverständlich

 

"Das macht man halt so. Das gehört sich so." - Diese Sätze kennen sicher alle zur Genüge. Wir haben sie unzählige Male gehört und stecken (immer noch) tief in uns drin. Aber seit wir uns mit Neurodivergenz und den besonderen Bedürfnissen in unserer Familie beschäftigen, hat dieser Satz seine Selbstverständlichkeit verloren. Nun versuchen wir, nach dem Motto von Dr. Mary Sheedy Kurcinka zu leben: "Verabschiedet euch von Selbstverständlich".

 

Muss wirklich alles so sein, "wie man es eben macht"? Müssen wir beim grossen Fest dabei sein, weil es Tradition ist? Oder dürfen wir auch ehrlich sagen: Das ist uns zu viel - wir machen es anders.

 

Wir haben gelernt, dass man Wertschätzung und Liebe auf viele Arten zeigen kann. Vielleicht müssen wir nicht stundenlang bleiben, um jemandem zum Geburtstag zu gratulieren. Vielleicht reicht ein gemeinsames Frühstück vor dem grossen Andrang - ruhig, entspannt, in vertrauter Atmosphäre. Das ist nicht weniger herzlich, nur anders.

 

Es geht nicht darum, sich abzugrenzen oder unhöflich zu sein. Es geht darum, authentisch zu leben und die eigenen Grenzen ernst zu nehmen - besonders dann, wenn das Wohlbefinden unserer Kinder (aber auch unser eigenes) davon abhängt.

 

Manchmal bedeutet Rücksicht auch, nicht alles mitzumachen. Und das ist völlig in Ordnung. Wir dürfen neue Wege finden, die für unsere Familie passen. Wege, die uns nicht völlig erschöpfen, sondern guttun.

Austausch tut gut - du bist nicht allein

 

Wer Kinder grosszieht, die ein bisschen "anders ticken", weiss: es kann wunderschön und bereichernd sein, aber manchmal ist es auch ganz schön anstrengend und man kommt immer wieder an die eigenen Grenzen. Da hilft es enorm, Menschen zu haben, die wirklich verstehen, wovon man spricht - ohne viele Erklärungen, ohne Vorurteile. 

 

Für mich ist der Austausch mit anderen Eltern deshalb unglaublich wertvoll. Ich habe vier gute Freundinnen, die sich mit dem Thema Neurodivergenz gut auskennen - drei davon sind selbst Mütter und machten ähnliche Erfahrungen wie wir mit ihren Kindern, eine ist beruflich sehr interessiert und sieht "hinter die Kulissen". Mit ihnen kann ich offen über alles reden: über die schönen Momente, aber auch über die Tage, an denen einfach gar nichts klappt. Es tut gut, ehrlich sein zu dürfen, ohne das Gefühl zu haben, bewertet zu werden.

 

Über eine Selbsthilfegruppe habe ich ausserdem zwei tolle Frauen kennengelernt, mit denen ich nun regelmässig im Chat schreibe oder wir uns mal auf einen Spaziergang o.ä. treffen. Wir tauschen uns über kleine Alltagstricks aus, teilen neue Erkenntnisse oder hören uns einfach gegenseitig zu, wenn es mal schwer ist. Dieses Gefühl, nicht alleine zu sein, ist unglaublich stärkend.

 

Solche Kontakte sind mehr als nur nette Gespräche - ich kann mich einmal fallen lassen, Mut tanken und merken: Andere kämpfen mit ähnlichen Herausforderungen, haben ähnliche Fragen und freuen sich genau so über kleine Fortschritte.

  

Egal, ob im Freundeskreis, in einer Selbsthilfegruppe oder sonst wo: Gemeinschaft trägt. Sie erinnert uns daran, dass wir nicht perfekt sein müssen, sondern einfach Menschen sind, die ihr Bestes geben. Und Manchmal ist das Beste, was wir füreinander tun können, einfach da zu sein und zuzuhören. 

Wochenende? Ach ja - unsere Akku-Tage!

 

Bei uns sieht das Wochenende inzwischen ein bisschen anders aus als früher: Wochenende heisst für uns - Pause. Ganz bewusst.

Unter der Woche ist nämlich schon genug los: Schule / Arbeit, Therapien, Schwimmkurse, Hausaufgaben und weitere Termine...da bleibt einfach zu wenig Zeit um den Akku wieder völlig aufzuladen. Und während andere am Samstag früh losziehen um "endlich mal wieder was zu unternehmen", sitzen wir manchmal einfach im Pyjama auf dem Sofa und schauen ein Buch an - und das mit Stolz.

Unser Wochenend-Motto lautet: eine kleine Unternehmung pro Wochenende und ganz viel Zeit für Pause. Das heisst: Viel Zeit zu Hause - ohne Plan, ohne Müssen, ohne Reizüberflutung, einfach nur spielen, chillen, Musik und Hörspiele hören, mit Puppen spielen, kneten, Lego bauen oder auf dem Sofa liegen. Und wenn es passt, organisieren wir noch eine kleine Unternehmung: in den Wald gehen, Ahna besuchen, mit Freunden abmachen - aber bitte nur eins davon. Und manchmal teilen wir uns sogar auf. Der eine braucht Bewegung oder etwas Trubel, der andere Ruhe und seinen Rückzugsort. Früher haben wir versucht alles gemeinsam zu machen - heute wissen wir: Es ist viel entspannter, wenn jeder das bekommt, was er gerade braucht.

Denn zu viele Erlebnisse hintereinander klingen zwar nach Spass, enden bei uns aber oft in Stress (und manchmal in Tränen - bei allen Beteiligten ;-)). Die Pause dazwischen ist wie ein kleiner Reset-Knopf. Das Gehirn darf runterfahren, sortieren, verarbeiten - und wir alle tanken neue Energie für die kommende Woche. Wir schauen also weniger auf den Kalender und mehr auf den Akkustand. Wer leer ist, darf aufladen. Wer Energie hat, darf losziehen. So bleibt die Stimmung friedlich (naja, meistens...ausser...halt ihr kennt es ja) - und wir starten montags tatsächlich erholter in die Woche.

Am Ende klappt unser Alltag viel besser, wenn wir am Wochenende nicht alles müssen. Ein bisschen Luft, ein bisschen Ruhe, ein bisschen Nichtstun - das ist bei uns inzwischen der wahre Luxus.

 

Nicht nur "Nein", sondern "so geht's!"

 

Manchmal fühlt sich der Tag an wie ein einziges "Bitte nicht!" - nicht spritzen, nicht klettern, nicht rennen, nicht so laut! Und klar: Regeln müssen sein. Aber ganz ehrlich: Dauernd nur zu verbieten, macht keinem Spass - weder uns noch den Kindern. Besonders bei neurodivergenten Kindern kann das schnell zu Frust auf beiden Seiten führen - bei ihnen, weil sie ihre Bedürfnisse nicht verstehen dürfen und bei uns, weil wir ständig Grenzen setzten müssen.

 

Aber was wäre, wenn wir den Blick ein bisschen verändern? Statt nur zu sagen, was nicht geht, können wir zeigen, was stattdessen geht. So bleibt das Bedürfnis des Kindes ernst genommen - und wir behalten trotzdem Struktur und Ruhe im Alltag.

Ein Beispiel: Wenn am Esstisch das Wasser zum "blubbern" benutzt wird, müssen wir nicht streng "Hör auf!" sagen. Wir können eine Blubberstation einrichten - vielleicht draussen oder im Bad, wo nach Herzenslust geblubbert werden kann.

So wird aus einem "Nein" ein "Ja, aber..." Das vermittelt Sicherheit, Verständnis - und gleichzeitig Struktur. Kinder (und um ehrlich gesagt auch wir Erwachsenen) lernen viel leichter, wenn sie wissen, was sie tun dürfen statt nur , was sie lassen sollen.

Diese kleinen Alternativen machen den Alltag friedlicher und schaffen Raum für Selbstwirksamkeit. Kinder merken: "Ich darf ausprobieren - aber mit Rücksicht." Und wir merken: Grenzen müssen nicht streng sein, um zu wirken. Sie dürfen freundlich, kreativ und liebevoll sein.

 

Parkuhr füttern

 

„Paaapaaa! Maaamaaa! Schau mal! Hilf mal! Wo bist du?!“ Eltern kennen es: Du willst nur kurz den Geschirrspüler ausräumen – zack! – steht ein Kind im Türrahmen mit einem "dringenden" Anliegen.

Am Ende ist keiner fertig, alle gestresst und die Laune irgendwo zwischen müde und leicht überfordert. Unsere Lösung? Erst die Kinder-Parkuhr füttern! 

Heisst: erst eine Portion Quality Time tanken – kuscheln, spielen, Quatsch machen – und dann den Haushalt starten. Denn wenn die Kinder-Parkuhr voll ist, läuft’s plötzlich wie geschmiert:
Das Geschirr wird eingeräumt, keiner hängt am Bein, und manchmal helfen sie sogar (zumindest theoretisch...). 

 

Die Idee stammt übrigens aus dem Ratgeber: "Das glücklichste Kleinkind der Welt. Wie Sie Ihr Kind liebevoll durch die Trotzphase begleiten" von Dr. Harvey Karp.

Kleiderstrasse

 

„Was kommt jetzt? Hose? Pulli? Wo sind meine Socken?“ Jeden. Einzelnen. Morgen.
Wie ein Déjà-vu in Endlosschleife – das Abenteuer Anziehen mit Kleinkind.

 

Dann kam der tolle Tipp meiner Schwiegermutter: eine Kleiderstrasse für jedes Kind bereitzulegen

 

Alle Kleidungsstücke werden in der richtigen Reihenfolge auf den Boden gelegt - von der Unterhose bis zu den Socken. Das Kind läuft die "Strasse entlang", zieht sich Stück für Stück an und zack! – fertig (naja, meistens… irgendwann… theoretisch).

 

Als wir das so machten, ging das Anziehen viel entspannter – und mittlerweile braucht es diese Strasse nicht mehr.

Bohnen, Kirschkerne & Co - das Spa für Kinderhände...und Füsse

 

Wer braucht schon ein teures Wellness-Wochenende, wenn man eine Kirschkernkiste hat? 
Unsere Kinder tauchen da rein, als wäre es eine Mischung aus Abenteuer, Meditation und Küchenexperiment.

Egal ob Kirschkerne, Bohnen oder Nudeln– Hauptsache, es raschelt, rollt und fühlt sich spannend an!
Beim Schütten, Graben, Eintauchen und Verstecken passiert nämlich Magisches:

  • Das Nervensystem fährt herunter.
  • Die Wahrnehmung wird klarer.
  • Und plötzlich ist da Ruhe im Raum (zumindest für 7,5 Minuten).

Das sensorische Spiel hilft Kindern, sich zu regulieren, besser wahrzunehmen und runterzufahren – 
und wir Eltern können kurz durchatmen und so tun, als hätten wir das alles geplant

 

Also: Schüssel her, Bohnen rein, Ärmel hoch! ...und am Schluss Besen und Schaufel bereit halten...es lohnt sich :-)


Willkommen im Fühl-Wellness für kleine Hände und grosse Nerven. 

Vom Nichtschwimmer zur kleinen Wasserratte

 

Schwimmkurs – das war anfangs gar nicht so einfach. Dranbleiben? Auf jeden Fall! Kopf nicht unter Wasser? Unbedingt! Mehrere Runden im Krebsli Kurs wurden gebraucht...
Aber Dranbleiben lohnte sich! Irgendwann passierte es: Er paddelt, spritzte, machte Blubberblasen – und plötzlich gings!

Dank der tollen Schwimmlehrerinnen (die geduldig sind wie Delfine und nie die Nerven verlieren) und der kleinen, feinen Gruppe wurde jede Stunde im Wasser zum Abenteuer. Der Spass ging zum Glück nie verlorenauch wenn es sooooo viel Mut abverlangte.

Zu Hause wurde fleissig in der Badewanne geübt – inklusive fotografieren von Fischen (Ein Ring war die Kamera und man konnte nur ein Foto machen, wenn das Gesicht im Wasser war... und die Fische waren übrigens erstaunlich fotogen in unserer Vorstellung😄).

Heute? Heute ist aus dem kleinen Landbewohner eine echte Wasserratte geworden! Das Wasser ist sein Element geworden – es hilft ihm, schlechte Gefühle einfach ins Wasser abzugeben und ganz ruhig zu werden.

 

Wir sind so stolz auf unseren kleinen Schwimmer – und ein bisschen neidisch auf seine coole Gelassenheit im Wasser.

 

Also: Kopf hoch (und nur manchmal unter Wasser 😉), dranbleiben und auch aus kleinen Landbewohnern können Wasserratten werden.

Zebrareis & Piratennudeln - wenn das Essen plötzlich Abenteuer wird

 

„Ich mag das nicht!“ Drei Worte, die jedes Elternherz beim Zmittag leicht erzittern lassen.

Aber seit wir angefangen haben, dem Essen Namen zu geben, läuft’s plötzlich besser: Aus langweiligem Reis wurde Zebrareis (weil schwarz-weiss – logisch),
aus stinknormalen Nudeln wurden Piratennudeln (die schwimmen schliesslich in der Sauce, Arrr! ) und die Gemüsesauce ist jetzt Teil vom Astronauten-Zmittag – direkt aus der Rakete auf den Teller! 

Es klappt nicht immer, aber ein Versuch ist es allemal Wert! :-)