Und was gibt es noch? - Weitere Formen von Neurodivergenz

 

Neben den oben genannten Formen, gibt es noch viele andere Arten, wie ein Gehirn ein bisschen anders "ticken" kann. Die Liste ist nicht abschliessend, aber hier werden noch einige genannt.

Manche Menschen haben zum Beispiel Tourett-Syndrom, bei dem unwillkürliche Bewegungen oder Laute auftreten. Andere leben mit Dyspraxie - das betrifft die Koordination und Feinmotorik, also Dinge wie Schreiben, Sprechen, Schleifen binden oder Ball fangen.

Dann gibt es noch Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS), bei denen das Hören an sich gut funktioniert, aber das Gehirn Geräusche und Sprache schwerer einordnen kann. Auch sensorische Verarbeitungsbesonderheiten, bei denen Reize sehr stark oder kaum wahrgenommen werden, gehören dazu. Manche erleben die Welt auch auf spannende Weise anders, wie bei Synästhesie - wenn Töne Farben haben oder Zahlen "gefühlt" werden.

 

All das sind Formen (wie gesagt, die Liste ist nicht abschliessend) von Neurodivergenz- also unterschiedliche Arten zu denken, zu fühlen und zu lernen. Keine davon ist "falsch". Sie zeigen nur, wie vielfältig wir Menschen sind. 

Fühlen, denken, reagieren - Emotionen

 

Jedes Kind fühlt – Freude, Wut, Angst, Neugier, Traurigkeit etc. Doch manche Kinder empfinden diese Gefühle viel stärker oder anders als andere. Sie reagieren heftiger, brauchen länger, um sich zu beruhigen oder wirken manchmal "gefühllos", obwohl sie innerlich sehr viel spüren. Gerade bei neurodivergenten Kindern – also etwa bei Autismus, ADHS, Hochsensibilität oder anderen Besonderheiten – spielt das Thema emotionale und soziale Entwicklung eine grosse Rolle.

Das liegt daran, dass ihr Gehirn Reize, Eindrücke und Gefühle auf eigene Weise verarbeitet. Ein Kind mit ADHS kann zum Beispiel blitzschnell von Begeisterung zu Frust wechseln. Ein autistisches Kind kann überfordert sein, wenn es viele Menschen oder unausgesprochene Regeln gibt. Und ein hochsensibles Kind spürt vielleicht Spannungen oder Stimmungen schon, bevor jemand überhaupt etwas sagt.

All das bedeutet nicht, dass diese Kinder "zu empfindlich" sind oder "kein Sozialverhalten haben". Sie fühlen einfach anders – oft tiefer, intensiver, ehrlicher. Das kann wunderschön, aber auch sehr anstrengend sein!

Was hilft?

  • Verlässlichkeit und klare Strukturen: Wenn Kinder wissen, was sie erwartet, können sie Gefühle besser einordnen. 
  • Ruhige Erwachsene: Wenn wir gelassen bleiben können, auch wenn ein Kind gerade "überkocht", geben wir Sicherheit statt zusätzliches Chaos.
  • Ehrliche Kommunikation: Viele neurodivergente Kinder brauchen klare Worte, keine Andeutungen oder Ironie.
  • Akzeptanz: Jedes Kind darf fühlen wie es fühlt – auch wenn es anders ist als erwartet.

Im Miteinander bedeutet das: Wir dürfen lernen, Emotionen nicht zu bewerten, sondern zu verstehen. Ein Kind, das sich zurückzieht, braucht vielleicht Ruhe. Eines, das schreit, braucht möglicherweise Hilfe, um mit einer zu starken Emotion umzugehen.

 

Wenn wir Kinder zeigen, dass ihre Gefühle willkommen sind, lernen sie, damit umzugehen – und entwickeln mit der Zeit genau das, was wir uns alle wünschen: Selbstvertrauen und emotionale Stärke.

Wenn mehr als eine Besonderheit zusammenkommt - Komorbidität

 

Vielleicht hast du schon einmal davon gehört, dass manche Kinder nicht "nur" eine Diagnose oder Besonderheit haben, sondern gleich mehrere. Ein Kind hat zum Beispiel ADHS und LRS oder Autismus und eine Angststörung. Das nennt man Komorbidität – ein etwas umständlicher Begriff, der einfach bedeutet: mehrere Dinge treten gleichzeitig auf.

Gerade bei neurodivergenten Kindern ist das gar nicht selten. Denn wenn das Gehirn anders funktioniert, betrifft das oft verschiedene Bereiche – Aufmerksamkeit, Sprache, Wahrnehmung, Emotionen. So kann ein Kind mit ADHS zusätzlich Schwierigkeiten beim Lesen haben oder ein autistisches Kind schnell unter sozialem Stress leiden und dadurch Ängste entwickeln.

Das kann für Kinder (und ihre Eltern) herausfordernd sein. Manchmal fällt es schwer zu unterscheiden: Was gehört wozu? Ist ein Verhalten Teil des ADHS – oder Ausdruck von Überforderung durch Lärm, Reizflut oder Stress? Auch Fachleute müssen genau hinschauen, um die richtige Unterstützung zu finden.

Wichtig ist zu wissen: Komorbiditäten sind nichts Ungewöhnliches und kein Zeichen von "mehr Problemen". Sie zeigen einfach, dass jedes Kind einzigartig ist – und dass sich die verschiedenen Facetten gegenseitig beeinflussen können. Ein Kind mit mehreren Besonderheiten braucht kein Mitleid, sondern Menschen, die hinschauen, verstehen und gezielt unterstützen.

 

Am Ende zählt nicht, wie viele Begriffe auf dem Papier stehen, sondern dass wir das ganze Kind sehen: mit seinen Fähigkeiten, Eigenheiten, Gefühlen und all dem, was es besonders macht.